Skispringen: Eine Boygroup geht auf Tournee

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Der luxuriöse Nightliner-Bus der ÖSV-Adler erregt Aufsehen mit Ledersofas, Entertainment-Center und eigener Küche. Schlierenzauer und Co. reisen wie Rockstars.

GARMISCH/WIEN. AC/DC, Bon Jovi, Rolling Stones oder U2 – sind diese Größen auf Tour, brausen mehrere Busse im Konvoi über die Landstraßen. Die Scheiben sind verdunkelt, echte Rocker scheuen schließlich Tageslicht, und das Interieur des vierzehn Meter langen und 24 Tonnen schweren Busses, im Fachjargon „Nightliner“ genannt, spielt alle „Stückerln“. Eine gut gefüllte Minibar ist Voraussetzung, ebenso weiche Ledersofas, Betten, Küche und überdimensionale Flatscreens.

Aber nicht nur Musiker, auch Spitzensportler reisen (und wohnen) gerne in diesen Luxuslinern, welche die in Gnadenwald beheimatete Firma „Beat the Street“ anbietet. Den Anfang machte Skistar Bode Miller, es folgten Daron Rahlves und andere. Norwegens Skispringer führten das Modell in der Schanzenszene ein, im Rahmen der 57. Vierschanzentournee aber steht Österreichs Bus in der ersten Reihe. Der Setra-Doppeldecker ist knallig bunt lackiert, die Front ziert ihr aus der TV-Werbung bekanntes Konterfei, und es hat tatsächlich den Anschein, als würde eine Boygroup auf Tournee gehen.

Nur Saft im Kühlschrank

Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Skispringer in engen, unbequemen Autos mitsamt Koffern und Skiern drängen mussten, um von Oberstdorf nach Garmisch, Innsbruck und Bischofshofen zu gelangen. Als Chauffeur agiert nicht mehr der Trainer, sondern ein professioneller Fahrer. Werner Bachmayer, 45, bringt seine Passagiere immer sicher ans Ziel. „Die Burschen sind ruhig, haben keine Allüren“, schildert er seine Eindrücke. Er habe auch schon für sie Gitarre gespielt oder gegrillt, weitere Privatdetails aber nannte er nicht. Sein Unternehmen setzt nämlich auf „absolute Diskretion“.

Schlierenzauer, Morgenstern und Co. genießen das Multimedia-Center – dass dabei die Playstation nicht fehlt, ist klar. Während langer Fahrten wird der „SingStar“ gesucht, dafür wurden eigens Mikrofone besorgt. Weitere Unterhaltungsmöglichkeiten bieten DVD-Player, iPod-Station oder Internet. In der Küche warten Kühlschrank (nur mit Säften gefüllt!) oder Mikrowelle. Wer müde ist, kann sich in eine der vierzehn Schlafkojen zurückziehen.

„Für die Burschen ist es wie in ihrem Wohnzimmer“, verrät Pressemann Florian Kotlaba. Der Bus stehe immer neben dem Hotel, dem Athletendorf oder der Schanze. „Es ist für uns alle ein Treffpunkt, auch am Abend.“ Silvester wird daher heuer im Bus gefeiert. Da wird angestoßen und das mitgeführte Feuerwerk abgeschossen.

Der Bus signalisiert auch das Interesse an den Skispringern, die während der Traditionsveranstaltung ins TV-Rampenlicht (Oberstdorf-Quote im ORF: 688.000, Bischofshofen-Rekord 2008: 1,26 Millionen) gerückt werden. „Die Adler kommen“, signalisiert der Bus auch deutlich die Hitparadenstärke seiner Passagiere. Ob die bequeme Anreise aber dazu beiträgt, um Oberstdorf-Sieger Simon Ammann beim Neujahrsspringen (ab 13.30 Uhr, ORF1) abzufangen?

Russland im Schalke-Bus

Von der ÖSV-Infrastruktur können andere Verbände nur träumen. Auch Russlands Skispringern war diese „Pflege“ vorerst fremd. Bis heute fehlt in dem Land, das 2014 in Sotschi die Olympischen Winterspiele austragen wird, eine konkurrenzfähige Schanze. Auch bei Ski, Anzug oder anderem Zubehör gibt es oft Engpässe. Erfolge wie der von Dmitrij Wassiljew, Dritter in Oberstdorf, aber heben schlagartig die Fürsorge von Regierung und Sponsoren. Daher brach im Team von Trainer Wolfgang Steiert großer Jubel aus, als bekannt wurde, dass es mit dem Mannschaftsbus von Schalke 04 nach Garmisch chauffiert wird. Manchmal sind es eben Kleinigkeiten, die im Leben Freude bereiten.

AUF EINEN BLICK

Österreichs Skispringer reisen
während der Vierschanzentournee wie Rockstars. Ein Luxusnightliner der Firma „Beat the Street“ bringt Morgenstern und Co. zu den Wettkampforten. Ermöglicht haben es drei Teamsponsoren, sie bezahlen die Mietgebühren.
Der Bus (Kaufpreis: 550.000 €)
ist 14 Meter lang, wiegt 24 Tonnen und ist mit Ledersofas, Betten, DVD-Player, Flatscreens, Küche, Tischen und einem Entertainment-Center ausgestattet. [ÖSV/Kotlaba]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2008)

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