Gerlinde Kaltenbrunner bestieg seit 1998 elf der 14 Achttausender, nur der Mount Everest, der K2 und der Lhotse fehlen in ihrer Liste, um auf allen Achttausendern gestanden zu sein.
Die Presse: „Ich bin jeder Berg, der auf mich wartet“, hört man Sie derzeit in einem Werbespot sagen. Ist das bloß ein Sager oder steckt mehr dahinter?
Gerlinde Kaltenbrunner: Ich kann mich schon in einen Berg hineinversetzen. Ich versuche es auf meine Art mich mit einer Route zu identifizieren. Aus dieser Herangehensweise ist die Botschaft entstanden – auch wenn ich sie nicht selber geschrieben habe. Dieses Gespür ist vielleicht für andere nicht nachvollziehbar, aber es ist wichtig für jede Expedition.
Wie viel Vorlaufzeit braucht eine Achttausender-Expedition?
Kaltenbrunner: Die Vorarbeiten beginnen immer schon ein Jahr im Voraus. Wenn wir von einer Expedition zurückkommen, geht es gleich nahtlos mit den neuen Vorbereitungen weiter. Das bestehende Material muss überprüft, neues ausprobiert, die Luftfracht und die Kommunikationstechnik vorbereitet werden. Und natürlich braucht es die körperliche Vorbereitung.
Wie sieht dieses Training aus?
Kaltenbrunner: Wir – ich trainiere hauptsächlich mit meinem Mann Ralf Dujmovits – machen sehr viel im Ausdauerbereich: lange Distanzen schwimmen, laufen, moutainbiken oder im Winter langlaufen. Daneben steht Klettern auf dem Programm. Wichtig ist möglichst viel Abwechslung.
Gehen Sie dabei nach einem bestimmten Plan vor?
Kaltenbrunner: Nein, wir machen das rein intuitiv, Trainingspläne mag ich nicht. Ich höre und spüre lieber in meinen Körper hinein – und er sagt mir, was geht und wann er eine Pause braucht. Das ist meist nach sechs, sieben Tagen.
Das vergangene Bergjahr verlief ja nicht ganz so wie geplant...
Kaltenbrunner: Nicht ganz. Angefangen hat es sehr gut mit dem Dhaulagiri (8167 m) im Mai, wo diesmal alles sehr gut geklappt hat. Am Lhotse (8516 m) mussten wir umkehren. Danach wollte ich zum K2 (8611 m) aufbrechen, habe aber eine Lungenentzündung bekommen. Anfangs war ich sehr enttäuscht, im Nachhinein aber froh, weil bei dem Unglück durch die Eislawine einige Bergsteiger ums Leben gekommen sind. Es hätte auch mich erwischen können.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Kaltenbrunner: Ende März geht es zunächst nach Kathmandu, wo wir zuerst eine Schule, für die wir gesammelt haben, eröffnen. Danach starten wir einen dritten Anlauf auf den Lhotse. Auf den möchte ich mich jetzt einmal konzentrieren.
Um alle 14 Achttausender bestiegen zu haben, fehlen Ihnen danach nur noch der Mount Everest und der K2.
Kaltenbrunner: Genau. Aber wann das soweit sein wird, kann ich wirklich noch nicht sagen.
Ihre Ski-Karriere haben sie frühzeitig abgebrochen, weil Ihnen die Konkurrenz mit Ihren Freundinnen zuwider war. Worte wie „Gipfelsieg“ oder „Berge bezwingen“ vermeiden Sie, Wettkampfterminologie klammern Sie aus. Was aber treibt Sie an?
Kaltenbrunner: Wettkampf bedeutet mir nichts. Es sind viel mehr diese wunderschönen Momente da oben. Es fällt mir immer wieder schwer mit Worten auszudrücken, was ich dort empfinde, spüre, erlebe. Trotz der Anstrengungen, die gehören freilich dazu. Natürlich ist das Allerschönste, das Ziel, das man sich in den Kopf gesetzt hat, zu erreichen und ganz oben zu stehen: Über einem nur noch Himmel, kaum Wolken und eine unendliche Fernsicht.
Und doch ist es Ihr Ziel, die Erste zu sein, die auf allen 14 Achttausendern oben war?
Kaltenbrunner: Nein, überhaupt nicht. Das hat irgendwer einmal aufgebracht, aber das ist es nicht. Würde ich das wollen, würde ich Fixseile verwenden und Hochträger einsetzen und nur die Normalrouten wählen. Bei anspruchsvolleren Routen, die ich oft wähle, ist natürlich die Chance geringer, Erfolg zu haben. Allerdings: Ich möchte schon einmal auf allen 14 Achttausendern gestanden sein, das ist mein großer Traum.
Zwei andere Bergsteigerinnen, die Italienerin Nives Meroi und die Spanierin Edurne Pasaban wollen ebenfalls alle 14 Achttausender besteigen. Welches Verhältnis haben Sie untereinander?
Kaltenbrunner: Ich habe mit beiden Kontakt, wir schreiben uns auch relativ oft E-Mails. Mit Edurne bin ich schon zweimal parallel unterwegs gewesen. Voriges Jahr etwa am Broad Peak, wo wir ganz bewusst die letzten Meter miteinander auf den Gipfel gestiegen sind, um darzustellen, dass da kein Konkurrenz- und kein Wettkampf besteht, sondern, dass jede ihrer großen Leidenschaft nachgeht.
Das Extrembergsteigen wird sehr oft kritisiert. Reinhold Messner, ein Pioniers dieser Entwicklung, hat den Begriff vom „Pistenalpinismus“ geprägt. Diesen warf er in einem „Presse“-Interview auch Ihnen vor. Wie gehen Sie damit um?
Kaltenbrunner: Diese Kritik trifft nicht zu. Auf vielen Bergen, speziell am Everest, allerdings nur auf den Normalroute, sind unglaublich viele Menschen unterwegs. Oft ist es eine einzige Schlange, die auf- oder absteigt. Aber man kann nicht alles in einen Topf werfen. Es gibt so viele außergewöhnliche Routen, auf denen wir vollkommen allein waren. Außerdem gibt es Achttausender, da sind kaum Menschen unterwegs: am Annapurna etwa.
Bergsteigen ist noch immer männerdominiert. Wie erleben Sie als Frau, wie gehen Sie damit um?
Kaltenbrunner: In den letzten Jahren habe ich beobachtet, dass mehr Frauen in den Bergen unterwegs sind. Aber es stimmt: Bergsteigen ist noch immer sehr männerlastig. Ich gehe damit ganz normal um, ich werde da oben voll akzeptiert.
Sehen Sie Unterschiede, warum Männer und warum Frauen auf einen Achttausender gehen wollen?
Kaltenbrunner: Nach den vielen Gesprächen, die ich in Basislagern mitverfolgt habe, muss ich sagen: ja. Den Frauen geht es nicht darum, den Berg zu „bezwingen“, sondern um das Gesamterlebnis, aber nicht darum, auf Biegen und Brechen hinaufzukommen. Ab und zu kommt bei den Männern dieses „ich muss den Berg unbedingt besteigen“ heraus. Aber wieder gilt: Man darf nicht alle in einen Topf werfen.
Bergsteigen an sich ist gefährlich. Wie gehen Sie mit dem Risiko um?
Kaltenbrunner: Ich versuche, das Risiko so gut es geht zu minimieren, ausschalten kann ich es aber nicht. Ich versuche mit Gefahren bewusst umzugehen, und manche gar nicht erst aufkommen zu lassen. Voraussetzung dafür ist bestmögliche Vorbereitung – vom körperlichen, von der Ausrüstung und der Einschätzung objektiven Gefahren her.
Gibt es Unterschiede in Ihrer Risikobereitschaft, wenn Sie alleine oder mit einer Seilschaft unterwegs sind?
Kaltenbrunner: Nein. Auch wenn ich für mich alleine entscheide, versuche ich so vorsichtig wie möglich zu sein. Der Vorteil, wenn man zu zweit ist, dass man sich besprechen kann.
Sie haben kürzlich in einem Werbespot mitgewirkt, bei dem Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky Regie geführt hat. Wie haben Sie die gemeinsame Arbeit erlebt?
Kaltenbrunner: Was mir besonders aufgefallen ist – wir haben ja bis spät am Abend gedreht – war, dass er bis zum Ende voll konzentriert, motiviert und engagiert war, wo andere vielleicht schon früher „jetzt reicht's“ gesagt hätten. Da sehe ich Parallelen zum Bergsteigen: Es braucht Konzentration bis zum Schluss, um eine Sache gut oder unfallfrei zu machen.
ZUR PERSON
■Gerlinde Kaltenbrunner (*13. Dezember 1970 in Kirchdorf/Krems, Oberösterreich) bestieg seit 1998 elf der 14 Achttausender, nur der Mount Everest, der K2 und der Lhotse fehlen in ihrer Liste. [Fabry]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2009)