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Reflexartige Proteste

Die Hamas hat mit ihren Raketenangriffen auf Israel bewusst eine militärische Eskalation riskiert.

Die Raketenangriffe auf israelische Städte, die dem israelischen Angriff auf Gaza vorangegangen sind, hatten zu keinen Protesten der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) geführt. Nun melden sich jedoch sämtliche Religionsgemeinden der offiziellen IGGiÖ ebenso rasch mit Protesten gegen „das mörderische Vorgehen der israelischen Armee gegen die wehrlose Bevölkerung von Gaza“ zur Hand, wie die Saddam-Nostalgiker des „Irakhilfswerks“, Verbände iranischer und irakischer Schiiten, die Islamische Föderation (Milli Görüş), die Schura-Moschee oder die eben erst von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer mit dem „Demokratiepreis der Margaretha-Lupac-Stiftung“ ausgezeichnete Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen (IMÖ).

Auf der Website dieser Gruppe um Omar al-Rawi, Carla Amina und Tarafa Baghajati findet sich bereits am Tag nach Beginn der Luftangriffe auf Gaza eine entsprechende Erklärung von insgesamt 40 mehrheitlich muslimischen Organisationen: „Das Gedenkjahr 2008 ist noch nicht zu Ende, und solche Kriegsverbrechen dürfen nicht schweigend zur Kenntnis genommen werden. Der sich ankündigende israelische Wahlkampf darf nicht über die Leichen der Palästinenser geführt werden.“ Während damit eine Verbindung zwischen dem Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus und dem aktuellen Krieg in Gaza hergestellt wird, halten es die Unterzeichner in keinem einzigen Satz für nötig, zumindest auf eine Mitverantwortung der Hamas für die Eskalation in Gaza hinzuweisen. Vielleicht liegt dieses Schweigen ja an der Nähe der mitunterzeichnenden Palästinensischen Vereinigung in Österreich (P.V.Ö.) zu den Herrschern in Gaza.

Immerhin hat die 1987 von der palästinensischen Sektion der Muslimbruderschaft gegründete Hamas mit ihrem wochenlangen Raketenbeschuss auf israelische Städte und Dörfer bewusst eine militärische Eskalation riskiert. Dass diese für die Hamas nicht zu gewinnen und maßgeblich auf dem Rücken der leidgeprüften Bewohner des Gazastreifens ausgetragen werden wird, musste auch der Hamas klar gewesen sein. Die zynische Kalkulation der islamistischen Miliz dürfte allerdings wieder einmal gewesen sein, dass auch eine militärische Niederlage einen medialen Mitleidssieg bringen kann. Während Israel nur falsch reagieren kann, kann die Hamas am Ende nur einen Sieg davontragen. Reagiert Israel nicht, kann die Hamas einen militärischen Prestigegewinn verzeichnen; sollte Israel nicht nur mit Luftschlägen, sondern vielleicht sogar mit einer Bodenoffensive antworten, kann sie hingegen das Leiden der Zivilbevölkerung schamlos ausbeuten.


Kritik in den „eigenen“ Reihen nötig

Damit soll nicht behauptet werden, dass Israel an der derzeitigen Situation unschuldig wäre, allerdings wird die Hamas mit ihrer zynischen Geiselnahme der Bevölkerung des Gazastreifens so lange fortfahren, als sie mit Bildern toter palästinensischer Kinder entsprechende antiisraelische Reflexe unter Muslimen auslösen kann. In den ersten Tagen des Krieges hat nicht nur Mahmud Abbas der Hamas die Hauptschuld an der Gewalteskalation im Gazastreifen gegeben. Auch andere gemäßigte islamische Politiker haben zumindest auf die Mitverantwortung der Hamas hingewiesen. Die offizielle Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, die eigentlich für religiöse und nicht für politische Belange zuständig sein sollte, scheint dies nicht für nötig zu befinden. Genau diese Kritik in den „eigenen“ Reihen wäre jedoch notwendig, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Erst damit würde sich die Eskalation für die Extremisten nicht mehr lohnen.

Thomas Schmidinger ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und hat zuletzt bei Deuticke „Zwischen Gottesstaat und Demokratie. Handbuch des politischen Islam“ veröffentlicht.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2009)