Klimaforschung: Die Eiszeit, die nicht kam

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Die letzte Eiszeit war vor 13.000 Jahren zu Ende, so lange haben wir es schon gemütlich. Theorien zur langen Wärmeperiode: Landwirtschaft und wärmere Meere als Ursache.

Wo bleibt nur die Eiszeit? Für gewöhnlich dauert eine exakt 100.000 Jahre, dann kommen um die 10.000 wärmere Jahre – Zwischeneiszeit wie derzeit –, den Rhythmus schlägt die Himmelsmechanik, die der Erde unterschiedliche Besonnung bietet, weil ihre Bahn und die Neigung ihrer Achse sich periodisch ändern. Aber die letzte Eiszeit war vor 13.000 Jahren zu Ende, so lange haben wir es schon gemütlich. Vor 11.000 Jahren wurde es im Nahen Osten gar so mild, dass es zur größten aller Revolutionen kam, zur neolithischen: Die Menschen, die Jahrhunderttausende als Jäger und Sammler durch die Lande gezogen waren, wurden sesshaft und entwickelten die Landwirtschaft, domestizierten Tiere und Pflanzen, rodeten die Wälder. Vor 7000 Jahren hatte sich die Innovation über weite Teile Eurasiens ausgebreitet, vor 5000 Jahren wurde in Ostasien Reis in überfluteten Feldern angebaut.

Hat das dafür gesorgt, dass wir heute noch unsere Zwischeneiszeit genießen können? Das vermutete 2004 der Klimatologe William Ruddiman (University of Virginia) mit seiner Hypothese von der „überfälligen Eiszeit“ bzw. dem „frühen anthropogenen Einfluss“: Dem Forscher war bei der Analyse von Eisbohrkernen aufgefallen, dass am Ende jeder Eiszeit hohe Gehalte der Treibhausgase CO2 und CH4 (Methan) in der Luft waren. Die sanken dann kontinuierlich. So war es zunächst auch nach der letzten Eiszeit, aber vor 7000 Jahren stiegen plötzlich die Konzentrationen von CO2, vor 5000 die von CH4. Für Ruddiman kam das von der Landwirtschaft – das CO2 durch die Entwaldung, das CH4 aus den Reisfeldern –, der Mensch drehte nicht erst seit den Industriellen Revolution (und der Nutzung der fossilen Energieträger) an der Klimaschraube.

Die Rodung Eurasiens

Die Reaktionen waren heftig, in der Sache blieb vor allem ein Kritikpunkt: Die frühe Rodung Eurasiens konnte nie und nimmer so viel CO2 freigesetzt haben, wie damals in die Luft kam. Und: Das CO2 in der Luft kam zum Großteil nicht aus Biomasse, das zeigt das Muster seiner Kohlenstoff-Isotope. Ruddiman brauchte einen Verstärkungsmechanismus – das CO2 der Entwaldung muss anderes CO2 mobilisiert haben –, er fand ihn im Meer: In wärmerem Wasser löst sich weniger CO2 – es gast aus wie aus Mineralwasser, das aus dem Kühlschrank kommt –, zudem gibt es dann weniger Eis, das Wasser hat größere Kontaktflächen mit der Luft, es kann mehr CO2ausgasen.

Mit dieser Modifikation rechnet Ruddiman seither, in der bisher letzten Runde seiner Klimasimulation kommt er, mit S. Vavrus und J. Kutzbach, zu dem Befund, dass eine Abkühlung von zwei Grad – im hohen Norden: fünf –, eingetreten wäre, hätten unsere Ahnen die Landwirtschaft nicht erfunden. „Von den orbitalen Zyklen her sind wir derzeit in einem Zustand, der die verstärkte Vergletscherung des Nordens sehr begünstigt“, schließt Kutzbach: „Wenn die Menschen nicht mit im Spiel wären, würde sie möglicherweise heute eintreten“ (Quaternary Science Reviews, 27, S.1410).

Und die Dritte im Spiel, neben Erde und Menschen, die Sonne? Auch sie hat Zyklen, auch die werden von manchen für den Klimawandel verantwortlich gemacht. Dabei geht es zunächst um die Aktivität der Sonne, die alle elf Jahre an- und abschwillt – in größeren Rhythmen auch –, aber der Effekt ist wieder so klein, dass er einen Verstärkermechanismus braucht. Diese Hypothese geht so: Die Erde wird beständig von kosmischer Strahlung aus dem All bombardiert, die Aktivität der Sonne moduliert den Effekt: Schickt sie gerade starken Wind – ionisierte Teilchen –, fängt der viel kosmische Strahlung ab; ist er schwach, kommt viel Strahlung durch. Die bildet in der Atmosphäre viele Kristallisationskerne für Eis: Wolken.

Ist also die Sonnenaktivität schwach, kommen viele Strahlen, kommen viele Wolken, die schatten die Erde ab, bringen globale Kühlung. So die Hypothese, bisherige Überprüfungen brachten unterschiedliche Befunde, die bisher letzte und detaillierteste stammt von von J.Kristjansson (Oslo), er winkt ab: „Wir haben keinen Zusammenhang zwischen der Stärke der kosmischen Strahlung und der Wolkenbildung finden können“ (Atmos. Chem. Phys., 8, S.7373).

Fast zur gleichen Zeit allerdings kommt eine Überraschung aus Australien; Geograf Robert Baker (Armidale) hat eine Korrelation zwischen den Niederschlägen und einer Sonnenaktivität von 1876 bis heute bemerkt. Bei dieser Sonnenaktivität geht es um den ihres Magnetfeldes, das sich alle 22 Jahre umpolt und dann schwach wird – dann wird es in Australien trocken. Baker vermutet, dass das über den Anteil des UV-Lichts am Sonnenlicht läuft: Der wird bei schwachem Magnetfeld stärker, und dieses UV richtet in den Meeren um Australien herum Schäden an, es dezimiert Plankton, das für gewöhnlich eine Chemikalie ausstößt (Dimethylsulfid), die wieder Kristallisationskerne für Wolken bildet (Geographical Research, 46, S.380).

AUF EINEN BLICK

Zwischen zwei Eiszeiten liegen gewöhnlich 10.000 Jahre. Die Zwischeneiszeit, in der wir leben, dauert aber schon 13.000 Jahre. Ob der Mensch den verspäteten Beginn der nächsten Eiszeit mitverursacht, ist Thema vieler Forschungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2009)

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