„Wir führen Buch und erleiden Verluste, wir summieren und gehen dahin.“
Die Linzer sind raffiniert. Am Hauptbahnhof von Europas Kulturhauptstadt angekommen, schlage ich mich bis zur Hafenhalle09 durch, die zu Fuß für einen nervösen Charakter nicht leicht zu erreichen ist. Industriezeile, Ecke Derfflingerstraße? In Graz, das viel größer wirkt als Linz, habe ich mich noch nie so grandios verirrt. Die Linzer haben die Welturaufführung des Gesamtkunstwerkes „Das Buch der Unruhe“ so geschickt an die Peripherie verlegt, dass der arglose Besucher meint, er sei in eine Metropole von der Größe und Anmutung Chicagos geraten.
Da ist er auch schon zu spüren, der Jazz im Dickicht moderner Städte. Ich strecke mich behaglich in meiner neuen Tracht (grüner Herrenrock, Leib aus schwarzem Samt, schwarze Hose). Was für ein Glück hast du, denke ich, das noch junge Jahr in Linz zu verbringen, mit Universalkünstler Michel van der Aa und Universalmenschendarsteller Klaus Maria Brandauer, vor allem aber mit Portugals Jahrhundertdichter Fernando Pessoa.
Diese Lektüre wird mir das zu Unrecht vernaderte Jahr 2009 erträglich machen. Denn 2009 wird für Kulturpessimisten hervorragend sein. Ich lasse es mir nicht von verzagten Spekulanten schlechtreden. „Das ganze Leben der menschlichen Seele ist eine Bewegung im Halbschatten. Wir leben in einer Dämmerung des Bewusstseins, niemals dessen sicher, was wir sind, oder dessen, was wir zu sein glauben.“ „Richtig!“, sage ich, so laut, dass mein Sitznachbar im Zugabteil zusammenzuckt. Wie konnte dieser Hilfsbuchhalter bereits 1930 wissen, welches Grundgefühl heute herrscht?
Vielleicht werde ich 2009 zu rauchen anfangen. Steigt in der Krise der Tabakkonsum? Sollte man in diese neuerdings von allerlei Apokalyptikern bekämpfte Industrie investieren? Ohne blaue Gauloises sind hunderte Seiten „Unruhe“ nicht erträglich. Filterlose passen auch gut zur Raucherstadt Linz, sie sind ein willkommener Anlass, um endlich wieder die heiteren philosophischen Schriften von Camus zu lesen, und dann auch die Romane von Kafka und Dostojewski, immer nach Mitternacht, rauchend am Fenster, während draußen in einer Stadt wie Linz der unendliche Verkehr vorbeibraust.
Man muss sich Leser der „Unruhe“-Bücher glücklich vorstellen: „Wir führen Buch und erleiden Verluste, wir summieren und gehen dahin.“ Vielleicht sollte man heuer diskret und tabulos Tagebuch führen. „Die Kunst befreit uns auf illusorische Weise von dem Schmutz des Seins“, schreibt Pessoa: „Die Liebe, der Schlaf, die Drogen und die Gifte sind Elementarformen der Kunst, oder, besser gesagt, sie bringen die gleiche Wirkung hervor wie sie.“ Das klingt echt kulturhauptstadttauglich. Die Linzer sind nervöse Leute, denke ich. Wahrscheinlich lesen die seit Jahren Pessoa und ergötzen sich an seiner universal-menschlichen Urbanität.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2009)