Gaza: Israelische Armee rückt weiter vor

Israels Armee rueckt im Gazastreifen vor
(c) EPA (Olivier Fitoussi)

Israelische Bodentruppen sind am Sonntag bis kurz vor Gaza-Stadt vorgerückt. Sie liefern sich heftige Gefechte mit Hamas-Kämpfern. Eine Verurteilung Israels durch die UNO scheiterte am Veto der USA.

Die israelischen Bodentruppen rücken weiter in den Gazastreifen vor. Am Sonntag stand die Armee kurz vor Gaza-Stadt. Etwa 50 und Infanterie-Einheiten stünden in der früheren jüdischen Siedlung Netzarim, drei Kilometer südlich von Gaza, berichteten Augenzeugen der Nachrichtenagentur AFP.

Die 400.000 Einwohner zählende Stadt soll vom übrigen Gazastreifen abgeschnitten sein. Die israelische Armee kontrollierte demnach die wichtigste Verkehrsstraße, die Salaheddin Road, nördlich und südlich von Gaza, und nahm Stellungen kurz vor Gaza ein. Die heftigsten Kämpfe gab es den Angaben zufolge in Jabaliya und Beit Lahiya nördlich von Gaza. Dutzende Familien flohen in voll beladenen Kleinbussen vor den vorrückenden israelischen Soldaten.

Israel hatte die Bodenoffensive am Samstag begonnen. Die Bodenoffensive werde "viele Tage" andauern, hieß es. Mit der Bodenoffensive sollten Gebiete eingenommen werden, von denen aus Raketen auf Israel abgeschossen würden. Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert kündigte an, dass zehntausende Reservisten für die Offensive mobilisiert werden.

Heftige Gefechte mit Hamas-Kämpfern

Die Hamas kündigte entschiedenen Widerstand gegen den Truppenvorstoß an. "Ihr seid reingekommen wie Ratten", sagte Hamas-Sprecher Ismail Radwan kurz nach Beginn der Invasion über das Al-Aksa-Fernsehen, das weiter einen versteckten Sender betreibt. "Gaza wird zum Friedhof für euch werden."

Am Sonntag kam es zu heftigen Gefechten mit Hamas-Kämpfern, deren Stärke auf rund 20.000 Mann geschätzt wird. Außerdem dauerte der Raketenbeschuss militanter Palästinenser aus dem Gazastreifen trotz der Bodenoffensive weiter an. Im Süden Israels schlugen am Sonntag mehr als 30 Raketen und Mörsergranaten ein.

Die Hamas erklärte am Sonntag, sie habe zwei isralische Soldaten gefangengenommen. Die israelische Armee dementierte dies jedoch.

Mindestens 23 Tote nach Beginn der Bodenoffensive

In den ersten Stunden der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen (Gaza-Streifen) sind nach Angaben palästinensischer Ärzte mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen. Dabei handle es sich um drei Kämpfer der Hamas und 20 Zivilpersonen, teilten ein Klinikarzt und das Gesundheitsministerium in Gaza mit.

Nach Armeeangaben wurden mindestens 30 Hamas-Kämpfer getötet. Außerdem sei ein israelischer Soldat im Norden des Gazastreifens getötet worden. Es ist der erste Todesfall in den Reihen der israelischen Streitkräfte seit Beginn der Bodenoffensive.

Helferin: "Es ist Wahnsinn"

Eine Helferin beschrieb die Lage in den palästinensischen Krankenhäusern im Gazastreifen als dramatisch. Sie habe so etwas noch nie erlebt, erklärte die Gaza-Koordinatorin der Hilfsorganisation Medical Aid for Palestinians (MAP), Fikr Shalltoot, am Sonntag im Fernsehsender CNN. "Es ist Wahnsinn." Im ganzen Gazastreifen gebe es in den Krankenhäusern nur 2.500 Betten. Wegen des Stromausfalls in der Stadt Gaza müsse das größte Krankenhaus mit Generatoren arbeiten.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz beklagte indes, dass einem Ärzteteam seit Tagen der Zugang zum Gazastreifen verwehrt werde.

UN-Verurteilung scheitert an USA

Trotz der Eskalation der Gewalt im Gaza-Streifen ist eine Verurteilung Israels durch den UN-Sicherheitsrat am Veto der USA gescheitert. Nach fast vierstündigen Beratungen sagte der amtierende Vorsitzende Jean-Maurice Ripert am Samstagabend (Ortszeit, Sonntag MEZ) in New York, es gebe eine "starke Übereinstimmung" bei den Mitgliedern, ihre ernsthafte Sorge über die Lage zu äußern. Die große Mehrheit - mit Ausnahme der USA - verlange eine sofortige Waffenruhe, die von allen Seiten voll respektiert werden müsse, sagte der französische Diplomat. Erklärungen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen müssen einstimmig fallen.

Der amerikanische UNO-Vertreter Alejandro Wolff betonte dagegen, es schade dem Ansehen der Sicherheitsrats, Forderungen zu stellen, die nachher nicht befolgt würden. Israel sei ein Mitglied der Weltgemeinschaft. Sein Vorgehen dürfe nicht mit Aktionen einer Terrorgruppe wie der Hamas verglichen werden.

Weltweit Waffenruhe gefordert

Weltweit forderten am Sonntag Politiker einen raschen Waffenstillstand in Nahost. Viele Regierungen verurteilten die israelische Bodenoffensive auch ausdrücklich.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon kritisierte die israelische Aktion nachdrücklich. Die weitere Eskalation der Gewalt erschwere die Bemühungen des Nahost-Quartetts und anderer um eine Waffenruhe, ließ der Spitzendiplomat am Samstag in New York erklären. Er forderte einen sofortigen Stopp der Bodenoffensive und appellierte an Israel, alles zu tun, um den Schutz von Zivilisten sicherzustellen.

Auch der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg rief Israel auf, die Bodenoffensive zu beenden und seine Truppen zurückzuziehen. Die Türkei, eines der wenigen mit Israel befreundeten muslimischen Länder, verurteilte die Bodenoffensive als "nicht akzeptabel".

Frankreich verurteilte das israelische Vorgehen ebenso wie die fortgesetzten Raketenangriffe der Hamas auf Ziele in Südisrael. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy fliegt in seiner Funktion als Co-Präsident der Mittelmeerunion zu einer Vermittlungsreise nach Nahost. Auch Tschechiens Außenminister Karel Schwarzenberg startete am Sonntag von Prag aus gemeinsam mit EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner und den Außenministern Frankreichs und Schwedens, Bernard Kouchner und Carl Bildt, zu einer dreitägigen EU-Vermittlungsreise nach Nahost.

EU-Sprecher entschuldigt sich für "Akt der Verteidigung"-Aussage

Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft reagierte zurückhaltend auf den israelischen Einmarsch im Gaza-Streifen. Das Vorrücken israelischer Truppen sei ein "Akt der Verteidigung", sagte der Sprecher des Ratsvorsitzes, Jiri Potuznik, am Samstag in Prag. Am Sonntag entschuldigte er sich allerdings für den Begriff der "Verteidigung".  In einer Stellungnahme hieß es: "Selbst das unbestreitbare Recht eines Staats, sich selbst zu verteidigen, erlaubt nicht Aktionen, die großteils Zivilisten betreffen."

Hamas: Israel kann "sein Massaker" fortsetzen

Die radikal-islamische Palästinenserorganisation Hamas hat das Nichtzustandekommen einer Erklärung des UNO-Sicherheitsrats zum einem Waffenstillstand im Gaza-Streifen kritisiert. Das Geschehen im UNO-Sicherheitsrat sei eine "Farce" und beweise, dass die USA und Israel die Entscheidungsfindung in dem Gremium beherrschten, erklärte Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum am Sonntag. Der Weltsicherheitsrat habe damit Israel die Möglichkeit gegeben, "sein Massaker" im Gaza-Streifen fortzusetzen.

Barhoum warf außerdem der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft Einseitigkeit zugunsten Israels vor: Die EU unterstütze die von Israel im Gaza-Streifen begangenen "Verbrechen", kritisierte der Hamas-Sprecher.

Bereits 470 Tote durch Luftangriffe

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza sind durch die Luftangriffe seit Beginn der Militäroffensive "Gegossenes Blei" mehr als 470 Menschen getötet und rund 2300 weitere verletzt worden. Unter den Todesopfern sind nach UN-Angaben auch mehr als 40 Kinder. Auf der anderen Seite starben vier Israelis nach Raketenangriffen militanter Palästinenser.

Israel hatte seine Militäraktion im Gazastreifen vor einer Woche mit Luftangriffen begonnen, um den andauernden Raketenbeschuss seines Territoriums durch die radikalislamische Hamas zu beenden.