Linz 09: Ein Koffer voller Literatur

Szenenbild aus
Szenenbild aus "Buch der Unruhe"(c) APA (LINZ09 / ARCHIPICTURE TOLLERIAN)
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Brandauer spielt den Dichter Pessoa – das wunderliche „Buch der Unruhe“.

Klaus Maria Brandauer ist diese Rolle eigentlich nicht auf den Leib geschrieben, denkt man sich spontan. Ein kerniger österreichischer Weltstar, der eben erst übermächtig den Wallenstein und elementar den Dorfrichter Adam spielte, als filigraner Weltliterat Fernando Pessoa (1888–1935)? Als kränkelnder Dichter, dem man beim Verfassen der Fragmente von „Das Buch der Unruhe“ zuschaut, mit avantgardistischer Begleitmusik? Wie kann das gut gehen? Es geht gut! Die Uraufführung am Freitag in Linz war ein Erfolg.

In der hölzernen „Hafenhalle09“ der frischen europäischen Kulturhauptstadt war ein echtes Gesamtkunstwerk zu erleben, das 85 Minuten lang in Bann schlug, von Anfang an. Links stimmte sich auf der dunklen Bühne das Linzer Bruckner Orchester unter Dennis Russell Davies auf die komplexe Musik des niederländischen Komponisten und Regisseurs Michel van der Aa ein, die Mitte war dominiert von fünf riesigen Reifen oder Scheiben, die als Leinwand, Brennspiegel oder gar als Pessoas Brillen fungierten, und rechts saß hinter Manuskripten ein älterer Herr mit randloser Brille.

Nein, das ist nicht mehr Klaus Maria Brandauer, sondern Fernando Pessoa alias Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, der beim Verfassen sehr persönlicher, sehr philosophischer Notizen ist. Nur die ungeheure Bühnenpräsenz erinnert jetzt noch an den Starschauspieler, doch ansonsten sind wir, wie die auf zwei runden Leinwänden eingespielten Filme zeigen, in Portugal auf einer Ochsenweide, auf der Ana Moura in rotem Kleid Fado singen wird, oder in Lissabon in einem berühmten Haus mit Balkonen am Hafen, wo Herr Soares mit wachsender Verzweiflung aus reinem Papier reine Literatur schafft, aus dieser Literatur dann aber seltsame Papierschiffchen faltet, die er in einem Koffer verstaut. Oder er schiebt ein beschriebenes Blatt Papier unter der Türschwelle durch, damit es dann von unbekannter Hand an sich genommen wird. Oder er beobachtet aus dem Türspion die Straße – einen geheimnisvollen Straßenkehrer, einen mysteriösen Kellner, der den Dichter bedient. Alles Beobachtete wird hier rasch mythologisiert, das Mädchen wird zu Europa, der Ochse zu ihrem Stier.

Die Essenz aus der Truhe

Zu diesem beschaulichen Treiben bietet die Musik seltsame Kontraste. Die Assonanzen, die lang anhaltenden Töne der Solisten passten gut in einen psychedelischen Thriller aus den Sechzigerjahren. Sie sind aber ebenso stimmig, wenn sie das Denken des Dichters begleiten. Sparsam zitiert Brandauer aus dem „Buch der Unruhe“. Der Handelskorrespondent Pessoa schrieb für die Truhe. In seinem Nachlass fand man 27.543Manuskripte – Lyrik, Essays, dramatische Skizzen. Sie sind Wegmarken der Moderne.

Solche Marken setzt Brandauer, der gelegentlich die Bühne durchschreitet, meist aber am Pult sitzt und Essenzen aus einem vierzehnseitigen Manuskript vorträgt, das van der Aa bearbeitet hat: „Ach, es gibt keine schmerzlichere Sehnsucht als die nach Dingen, die nie waren!“, seufzt der Dichter. Wird er die Ruhe finden, nach der er sich sehnt? Die ihn frei macht, als hätte er aufgehört zu existieren und wäre sich dessen bewusst? Die Mäander des Dichtens werden überhöht durch symbolische Filmszenen und durch die Beharrlichkeit der Musik. Sie klingt verzweifelt, wenn Soares seine Unattraktivität beklagt, dramatisch, wenn Moura durchs Treppenhaus stürzt, besinnlich, wenn sie über die Weide schreitet. Dann wirkt dieses Kunstwerk ein wenig übertrieben. Meist aber dominiert Brandauers Stimme: „Ich bin niemand, niemand. Ich vermag nicht zu fühlen, vermag nicht zu denken, vermag nicht zu wollen. Ich bin eine Figur aus einem noch zu schreibenden Roman, die vorüberweht, verstreut in alle Winde, einer der Träume von jemandem, der mich nicht zu vollenden verstand.“ Das nimmt man ihm ab – dem Dichter der Unruhe.

INITIATIVE „HÖRSTADT“

Weit über 2009 hinaus gedacht ist „Hörstadt“, eine Initiative von Peter Androsch, Leiter für Musik bei Linz09. „Beschallungsfrei“, eine Kampagne gegen Zwangsbeschallung, etwa durch Hintergrundmusik in Einkaufszentren, läuft bereits. Die „Linzer Charta“, beschlossen vom Gemeinderat, definiert den akustischen Raum als Gemeingut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2009)


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