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Medikamente: Der Niedergang des Immunsystems?

Aufgeblättert: In dem Buch „Lob der Krankheit“ kritisiert ein Journalist die Medizinindustrie.

Einen Frontalangriff auf die Medizinindustrie startet der erfahrene Medizinjournalist Bert Ehgartner in seinem Buch „Lob der Krankheit“. Das Buch könnte auch heißen „Lob des Immunsystems, und wie es die Medizinindustrie zerstört“. Ehgartner widmet sich dem Thema Immunsystem von mehreren Seiten. Wie es funktioniert, was es kann und wie es systematisch zerstört wird.

 

Zweites lernendes Ich

Der Autor beschreibt das Immunsystem nicht als starren Apparat, sondern als „zweites lernendes Ich“ des Menschen, das uns vor Infekten und Krebs schützt – wenn wir es lassen. Denn um uns zu schützen, muss es trainieren. Vom ersten Lebenstag an. Und dieses Training wird laut Autor durch den übermäßigen und voreiligen Einsatz von Medikamenten unterbunden.

Als Ursachen für den Niedergang unseres Immunsystems ortet der Autor vor allem den vorbehaltlosen Einsatz von Antibiotika, Fiebersenkern, Cortisonsprays und auch Massenimpfungen. Jede dieser Maßnahmen greife direkt in die Arbeit des Immunsystems ein, manipuliere und störe es in der Entwicklung.

Das Resultat ist laut Ehgartner erschreckend: Allergien und Autoimmunerkrankungen in den verschiedensten Schattierungen sind die Folge. „Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren häufig Antibiotika oder fiebersenkende Medikamente verschrieben bekommen, haben ein deutlich erhöhtes Allergierisiko“, so der Autor. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung leidet demnach heute an einer Form von Allergie.

Anstatt harmlose Infekte und Kinderkrankheiten zuzulassen, versuche man, mit der Chemiekeule möglichst jedes Risiko von vornherein niederzuknüppeln. Des Autors Schlussfolgerung: „So leben wir heute inmitten einer Epidemie der chronischen Krankheiten, die alle eine gemeinsame Ursache haben: ein aus der Bahn geworfenes Immunsystem.“

Weitere Folgen der hausgemachten Schwächung des Immunsystems: Asthmaattacken, Neurodermitisschübe, chronisch entzündliche Krankheiten. „Viele Menschen können heute gar nicht mehr richtig krank werden und Fieber entwickeln. Stattdessen fühlt man sich wochenlang schlapp“, so der Autor. Und das sei ein Hinweis, dass das Immunsystem nicht in bester Ordnung ist.

Ehgartner plädiert dafür, harmlose Krankheiten zuzulassen und dem Körper dann eben eine Auszeit zu gönnen. „Wer ab und zu krank ist, bleibt auf lange Zeit gesund.“

 

Angstkeule geschwungen

Damit die Bevölkerung nicht auf die Idee kommt, den Einsatz von Antibiotika und dergleichen zu hinterfragen, werde die Angstkeule geschwungen. Perfektes Marketing vonseiten der Pharmaindustrie sorge dafür, dass die Angst umgeht und bereite so auch den Boden für neue Medikamente.

Ärzte würden aus Angst vor Klagen eher zu viel als zu wenig verschreiben. Man solle sich daher einen Arzt suchen, der auch den Mut hat, einmal zuzuwarten, anstatt jede Krankheit „im Keim“ zu ersticken. Eine Checkliste, ob man dem jetzigen Hausarzt vertrauen kann, findet sich gegen Ende des Buches. Ein guter Arzt sollte auch über die Nachteile von Behandlungen informieren.

Der Autor argumentiert emotional, aber auch wissenschaftlich. Er zitiert aus zahlreichen Studien und bietet einen unbequemen Einblick in die Medizinindustrie. Das Buch liefert eine Fülle von Argumenten wider den exzessiven Einsatz von Medikamenten und Massenimpfungen. Freilich lässt es den Leser auch ein wenig ratlos zurück. Wie sollen Eltern handeln, wenn das Fieber ihres Kindes über 38 Grad steigt? Welche Impfungen sind nun wirklich sinnvoll und welche überflüssig? Auf diese Fragen bräuchten Menschen, die die gängige Praxis kritisch betrachten, konkrete Antworten. th

„Lob der Krankheit – Warum es gesund ist, ab und zu krank zu sein“, Verlag Lübbe, 382 Seiten, 14,95 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2009)