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Bollywood im Souterrain

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Wien gilt bei Indern als exotisch – „Die Presse“ war zu Besuch bei Bollywood-Dreharbeiten im Theater unterhalb des Café Prückel.

Carolyn, der platinblonde Bühnenstar, liebt Dev. Doch sie kann ihn nicht haben: Denn Dev liebt Paro, die grazile indische Tanzlehrerin. Was also bleibt Carolyn, als die ersehnte Zweisamkeit wenigstens im Traum zu verleben? Doch siehe da – während sie in ihrer Traumwelt die Hüften im Takt fulminanter indischer Trommelmusik schwingt, taucht plötzlich Dev auf. Ihre Blicke treffen sich, wenig später verschmilzt das Paar in einer innigen Kusspose.

Eine Etage höher entbehrt die Szenerie indes derartiger Dramatik: Melange und Apfelmohnkuchen werden serviert, so mancher Zeitungsinhalt diskutiert. Die Kulisse ist elegant und dennoch von lässiger Gemütlichkeit – ein ganz normaler Samstagnachmittag im Wiener Café Prückel eben. Oder doch nicht: Denn dieser Tage ist im kleinen Theater im Souterrain des Cafés eine spezielle Truppe zu Gast. Der in Wien lebende Inder Sandeep Kumar und sein Team sind dort mit Dreharbeiten zu „Liebe ohne Grenzen“, einem austroindischen Bollywoodfilm, beschäftigt. Austroindisch – eine seltsame Kombination? Nicht für jene, die in der Bollywood-Industrie die Fäden ziehen. Denn besonders Liebesszenen inszeniert man gerne vor „exotischem“ Hintergrund. Und die sehen Bollywood-Regisseure vor allem in den Alpenländern: Berg statt Palme, Gletschersee statt türkisfarbenen Meeres. Sandeep Kumar: „Wenn sich jemand in einem indischen Film Liebe vorstellt, ist immer ein Berg oder ein See zu sehen. Deshalb werden so viele Bollywood-Filme in der Schweiz und jetzt auch in Österreich gedreht.“ Statt mit Bergen und Seen hat Wien scheinbar mit Schwarzenbergplatz und Donau gepunktet, an beiden Orten hat Sandeep Kumar schon gedreht. Er ist gleichzeitig Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent von „Liebe ohne Grenzen“.

Seine eigene Biografie passt zum bunten Kulturmix im Film: Nach dem Schulbesuch in Delhi, wo er auch mit dem heutigen Bollywood-Star Shah Rukh Khan Theater spielte, verschlug es ihn über Zwischenstationen in die USA und schließlich nach Wien. Hier ist er hauptberuflich Managementberater für einen Großkonzern. Filme dreht er nebenbei, für die Dreharbeiten zu „Liebe ohne Grenzen“ ist die Urlaubszeit reserviert. Dabei ist die laufende Produktion nichtkommerziell – gezeigt werden soll sie ab Herbst 2009 bei europäischen und indischen Filmfestivals, Geld ist vorerst für keinen Mitwirkenden in Aussicht.

Kein Thema für die 23-jährige Barbara Ungerhofer, die im Film den unglücklich verliebten Wiener Bühnenstar Carolyn verkörpert. Trotz Husten, Schnupfen und niedriger Temperaturen im Theater wird sie die Traumszene insgesamt über zehn Mal tanzen. Bloßfüßig, im kurzen Rüschenkleid – verführerisches Lächeln inklusive. „Man muss sich durchschlagen, das ist eben so am Anfang, ich bin ja erst vor zwei Jahren mit der Schauspielschule fertig geworden.“


Worin für sie der Reiz an Bollywood liegt? „In europäischen Filmen spielst du Realismus, in Bollywood spielst du Musical, alles ist total overacted.“ Das „Überspielen“ der Charaktere – ein Aspekt, mit dem sich Ungerhofer erst anfreunden musste, wie Kumar, im Film Ungerhofers Traummann „Dev“, erzählt: „Zu Beginn hat sie sich oft gesträubt, Emotionen so deutlich darzustellen.“ Heute hat sie eine andere Perspektive: „Es ist eine Kunst, starke Emotionen nicht in Kitsch abdriften zu lassen“, so Ungerhofer selbst. Aber was ist all das Bollywood'sche Schmachten und Schmusen, wenn nicht konzentrierter Kitsch? Und warum erfreuen sich die bunten indischen Seifenopern in Europa steigender Beliebtheit, während Hollywood-Liebesfilme längst nicht mehr vorprogrammierte Kassenschlager sind? „Hollywood bietet keinen Ausweg mehr für das Publikum, es ist viel zu realistisch geworden“, vermutet Sandeep Kumar. „In indischen Filmen ist alles pompös, da sind die Europäer ganz scharf drauf.“ Und der Bollywood-Trend wird weiter anhalten – da ist sich zumindest Sandeep Kumar sicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2009)