Schnellauswahl

Kritik Burgtheater: Verfall einer Familie à la Thomas Bernhard

„Der Schein trügt“: anstrengende Übung in der Kunst des Alterns.

Die einzelnen Szenen von Thomas Bernhards 1984 in Bochum uraufgeführtem Stück hat Regisseur Nicolas Brieger bei der Premiere im Burgtheater am Samstag mit dem immer gleichen Trick sequenziert: Es wird dunkel, Neonröhren senken sich herab, es piepst wie auf der Intensivstation. Nur am Schluss erlaubt er eine Variation: statt des Piepsens ein finaler Grundton. Aus. Jetzt sind die zwei Halbbrüder, die sich zweieinhalb Stunden lang auf der Bühne gallig konkurrenziert haben, wahrscheinlich tot.

Diese Engführung macht auch die surreale Bühne (Mathias Fischer-Dieskau) deutlich: Karl (Martin Schwab), der alte Jongleur, und Robert (Michael König), der alte Schauspieler, zeigen ihr langsames Absterben in verzerrten Räumen. Unten ist die versenkbare Wohnung von Karl, mit seltsam schiefen Möbeln und, in einem zweiten Raum, vielen kleinen Familienbildern. Oben liegt hinter einem schwarzen Vorhang die Wohnung von Robert, wie eine erhöhte Guckkastenbühne. Das wichtigste Element dort neben zwei Sofas: ein riesiges Bild vom jungen Robert als Tasso. Vergangene Größe.

 

Verhaltene Tiraden

Erst aber müht sich Schwab in Unterwäsche mit dem Anziehen ab. Eine Stunde lang bereitet er sich unwirsch auf den Besuch des Bruders vor, der immer am Dienstag kommt. Schwab spielt dieses Solo großartig, es fordert seine ganze Kunst; seine Darstellung des Verfalls ist aber auch anstrengend für den Zuschauer. Brieger hat die Tiraden getreu, aber doch zu verhalten inszeniert.

Das gilt vor allem für den kürzeren Gegenbesuch, der immer am Donnerstag erfolgt. Auch dieses Ritual wird mit Murren gepflegt. Jetzt hat der einst gefeierte Schauspieler sein Solo. Krankheiten haben ihn zurückgeworfen, es war ihm nicht gegönnt, den „Lear“ zu spielen. Er merkt sich nun den Text nicht mehr, er hat sich überlebt. König beherrscht den Übergang von reiner Eitelkeit zur absoluten Verlorenheit, sein Spiel ergänzt das auffälligere von Schwab ideal.

Der größte Verlust aber, der alles prägt: Karls Lebensgefährtin Mathilde ist gestorben, „im ungünstigsten Moment“. Ihr Tod bringt Streit. Sie hat ein Häuschen überraschend Robert hinterlassen. Das „irritiert“ Karl. Die Brüder bleiben, was sie immer waren: Konkurrenten, unversöhnt, in einer verhaltenen Darstellung vom Schrecken der Familie. norb

Nächste Termine: 6., 9., 14., 15. Jänner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2009)