Achtung, Springer kommt!

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VIERSCHANZEN-TOURNEE. Immer den Kuhglocken und dem Geruch von Glühwein hinterher:
Bischofshofen erlebte ein Volksfest und einen Tourneesieger, mit dem keiner gerechnet hat.

Wer sich am Dreikönigstag den Weg hinauf zur Ausserleitner-Schanze in Bischofshofen bahnte, musste an Menschenmassen und einer Unzahl von Glühwein- und anderen Getränkeständen vorbei. Obgleich sie nicht mehr so dicht gesäumt wie in der Vergangenheit nebeneinander positioniert waren, hing das altbekannte, süßliche Aroma des wärmenden Getränks wie eine undurchdringliche Nebelwand in der Luft. Den Weg in die Naturarena konnte man trotzdem nicht verfehlen: Man musste nur den Absperrungen, den rot-weiß-roten Fahnen und dem unsagbar lauten Geräusch der Signalhupen, Ratschen und Kuhglocken folgen. So lange, bis diese Töne nicht mehr zu hören waren, sondern der aus den Boxen der Schanzenanlage dröhnende Sound von AC/DC, The Rolling Stones oder Bon Jovi trotz klirrender Kälte (minus zehn Grad) wohlige Wärme vermuten ließ – begleitet von „Uuuh“- und „Aaaah“-Rufen der ca. 30.000 Zuschauer.

Ein Händedruck für den Zweiten

In den vergangenen Jahren war im Abschlussort der Vierschanzentournee selten so eine Spannung, so eine Begeisterung zu verspüren. Der Sport an sich und seine Vermarktung haben sich ebenso wenig verändert wie der antiquierte Holzzaun beim Eingang, an den sich viele Kiebitze, die keine Karten mehr bekommen hatten, drängten. Auch fehlen die im Profisport vorab als Gütezeichen angekündigten illusorischen Preisgeld-Töpfe. Der Tagessieg ist mit 19.200 Euro entlohnt, der Gesamtsieger bekommt ein Auto, der Gesamtzweite nur noch einen Händedruck als Anerkennung. Zum Vergleich: Der Sieger des Zagreb-Slaloms erhielt alleine 60.000 €.

„Wuff – ziiiiiieh!“

Einen echten Skisprung-Fan aber stört das nicht. Es ist der schlichte Charme, den Skispringen mit der Tournee ausübt. Es ist der letzte Hauch von alter, lieb gewonnener Tradition in einer Welt, deren Finanzen ohnehin eine Bruch- und keine Telemark-Landung hingelegt haben. Ski-Alpin ist die Formel 1 des Wintersports, Skispringen oder Langlaufen genießen den gepflegten Stellenwert einer (Oldtimer-)Rallye. Mit Kartenpreisen von 18 € für Erwachsene und neun Euro für Kinder.

Lokalmatadore ziehen Massen an

Wovon die Tournee aber lebt, ist der Erfolg der Lokalmatadore. Springen Deutschlands oder Österreichs Athleten in der Spitze mit, „bebt“ jede Arena. Und wahrlich, als Wolfgang Loitzl oder Gregor Schlierenzauer in Bischofshofen angekündigt wurden, hallte ein kollektives „Ziiiiiieh“ durch das Areal, dessen Intensität mehr denn je unter die Haut ging. Jubel vermischte sich mit Tränen, Glücksgefühle mit Enttäuschungen und unstillbarem Verlangen nach einem Siegertypen, der die Masse bewegt und den Mythos des Tourneesiegers als „König der Lüfte“ repräsentiert. Nie und nimmer würde ein „Normalverbraucher“ freiwillig von einer Schanze mit 100 km/h und einem Puls von 180 abspringen. Machen es aber „Wuff“, „Schlieri“ oder „Morgi“, ist die Welt in Ordnung.
Der Steirer Wolfgang Loitzl hatte es vor, er wollte die 57. Vierschanzentournee gewinnen. Ein Kunststück, das vor ihm bis dato nur sechs Österreichern vergönnt war; es sind: Sepp Bradl (1953), Willi Pürstl (1975), Hubert Neuper (1980, 1981), Ernst Vettori (1985, 1986), Andreas Goldberger (1993, 1995) und Andreas Widhölzl (2000). Viele Topstars, darunter finden sich Namen wie Schnabl, Innauer, Kogler oder Schmitt, gewannen die Tournee nie.

Fast wie im Märchen

Mit Loitzl, dem stillen und das Rampenlicht meidenden Familienvater aus Bad Mitterndorf, der im Rahmen dieser Tournee nach dreizehn Jahren im Weltcup und weit über 200 Bewerben seine ersten Siege feiern sollte, erlebte die Schanzenfamilie so etwas wie ein „Märchen“. Niemand hatte den 28-Jährigen auf seiner Rechnung, kaum einer hatte es für möglich gehalten, dass sich der Steirer plötzlich „wie verwandelt“ präsentieren und im Stallduell mit Schlierenzauer oder im Kampf gegen den Schweizer Simon Ammann so auftrumpfen würde.
Gründe dafür gibt es viele. Es beginnt bei der Sprungkraft (75 cm aus dem Stand), seinem neuen Atomic-Ski, anderen Trainingsmethoden (im B-Kader unter Nick Huber, AVWF-Methode mit Nerven stimulierenden Schallwellen etc.) und endet bei der schlichten Erkenntnis, dass einer, der sich seines Selbstvertrauens und seines Könnens bewusst wird, Erfolg haben kann. Um diesen aber auch richtig zu vermarkten, bedarf es als Skispringer jedoch mehr als nur eines kraftvollen Absprunges.

(Die Presse, Printausgabe, 7. 1. 2009)

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