Finanzexperte : „Gehen Sie raus zum Geldausgeben“

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Privater Konsum ist der wirksamste Weg aus der Rezession, meint der US-Finanzexperte Benton E. Gup im Interview mit der "Presse".

Die Presse: Finden Sie, der Staat sollte der Industrie in der Krise helfen?

BentonE.Gup: Nicht unbedingt. Manche Industriesektoren und Firmen sind zwar zu groß, um unterzugehen. Aber andere Industrien sollten den Betrieb einstellen. Weil sich gewisse Technologien mit der Zeit verändern und manche Sektoren daher veraltet sind. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass hier in Wien Menschen mit dem Fiaker unterwegs sind. Aber wir würden deshalb nicht die Kutschenindustrie retten.


Wenn aber große Firmen bankrott gehen, verlieren viele Menschen ihren Arbeitsplatz.

Gup: Das ist ein wichtiger Aspekt. Unterstützer von Ford oder General Motors könnten genauso andere Industrien unterstützen. Industrien verändern sich mit der Zeit, und wir müssen Wege finden, dort Arbeitsplätze zu schaffen.

War es richtig, die Investmentbank Lehman Brothers nicht zu retten?

Gup: Das war eine völlig andere Situation. Die Federal Reserve und das Finanzministerium konnten nicht einschreiten. Sie hatten keine angemessenen Sicherheiten für das Geld, das sie zu dieser Zeit in Lehman Brothers hineinpumpen hätten müssen. Viele Menschen argumentieren, das sei ein Fehler gewesen – aber das Gesetz hat den Verantwortlichen Schranken auferlegt.

In der öffentlichen Meinung sind es die USA, die die Finanzkrise verursacht haben. Andererseits gibt es Experten, die sagen, dass die USA die Krise am schnellsten wieder überwinden und andere Länder viel länger unter den Folgen leiden werden. Wer hat recht?

Gup: Die Krise wirkt sich nicht auf jedes Land gleich aus. Jedes Land hat spezielle Bedürfnisse, China braucht bestimmt etwas anderes als Österreich. Jede nationale Regierung ist selbst dafür verantwortlich, die Probleme im Land zu lösen.

Wie wird sich die Finanzkrise heuer in den USA auswirken?

Gup: Die Finanzkrise ist bereits stabilisiert worden. In anderen Worten: Die Banken haben genügend Geld, aber sie sträuben sich dagegen, es zu verborgen, weil die Wirtschaft zusammenbricht. Was wir tun müssen, ist, die Wirtschaft zu stimulieren. Barack Obamas Politik ist darauf ausgerichtet, die Wirtschaft anzukurbeln. Aber das braucht Zeit, und es kann nicht über Nacht oder augenblicklich passieren.

Macht es für die USA einen Unterschied, wer in der Krise Präsident ist?

Gup: Es gibt Unterschiede in Persönlichkeit, Philosophie und der Art, wie man einen Job macht. Mit Obama haben wir ein frisches Gesicht. Er versprüht den nötigen Optimismus, um die Situation zu ändern.

Kann es sich Obama leisten, seine Versprechen nicht zu halten?

Gup: Er kann nicht alles gleichzeitig tun, aber er muss die Wirtschaft auf den richtigen Weg führen.

Obama will aber als Präsident auch ein Sozialsystem für alle Amerikaner einführen. Woher soll das Geld dafür kommen?

Gup: Sagen wir es so: Die Banken sind das Herz der Wirtschaft, und das hatte einen Infarkt. Der Blutfluss, also der Kreditfluss, wurde unterbrochen. Nun muss sich die Politik, neben vielen anderen Problemen entscheiden, welche Aufgabe sie zuerst erledigt. Man kann nicht alles auf einmal lösen.

Viele schreien derzeit nach Regulierung. Ist der freie Markt tot?

Gup: Ich bin für den freien Markt, und ich glaube, dass er funktioniert. Aber manchmal ist die freie Marktwirtschaft anfällig, ein anderes Mal funktioniert sie so gut wie eh und je. Allerdings sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Man sollte das Konzept des freien Marktes deswegen nicht gleich verwerfen. Man muss die Fehler für die Zukunft korrigieren.

Gäbe es Alternativen zum freien Markt?

Gup: Es gibt Alternativen zum freien Markt – aber ich sehe keine, die auch funktionieren könnte.

Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzinssatz auf 2,5 Prozent gesenkt, jener der US-Notenbank Fed liegt derzeit bei fast null Prozent. Verfolgen Sie die gleiche Strategie?

Gup: Zurzeit tun die Notenbanken alle das Gleiche: die Leitzinsen senken, um die Wirtschaft zu stimulieren. Das Wichtigste ist, die Leute dazu zu motivieren, ihr Geld auszugeben. Haben Sie denn all die Weihnachtsgeschenke gekauft?

Nein.

Gup: Warum nicht? An einem Teil der Rezession sind die Konsumenten schuld, weil sie ihr Geld nicht ausgeben. Die Regierung kann viel machen, letztlich stabilisiert aber der Konsument das System.

Ist das nicht zu einfach? Die Wirtschaft geht den Bach runter, und die Konsumenten sollen sie retten?

Gup: In jeder Wirtschaft, sei es in den USA, China oder in Österreich, muss Geld ausgegeben werden. Ein niedriger Zinssatz motiviert die Leute dazu.

Aber wenn die Leute ihre Arbeit verlieren, haben sie auch weniger Geld, um einzukaufen: ein Teufelskreis.

Gup: Das ist ja der Grund, warum die Regierungen Konjunkturpakete beschlossen haben.

Ein niedriger Zinssatz verbilligt zunächst Kredite. Davon sehen die Verbraucher wenig.

Gup: Das ist richtig, aber auch die Wirtschaft braucht Zeit. Und statt ins Büro sollten Sie lieber rausgehen und Ihr Geld ausgeben.

Wie lange wird die Wirtschaftskrise dauern?

Gup: Ich hoffe, dass es 2010 besser wird. Aber bis sich das ganze System wieder regeneriert hat, wird es noch zwei, drei Jahre dauern.

Ist es nach den Ereignissen des Jahres 2008 überhaupt möglich, Vorhersagen zu treffen?

Gup: Man kann nur mehr raten. Wir haben keine perfekte Vorausschau.

Wie geht es Ihnen damit, dauernd danach gefragt zu werden, wie es mit der Konjunktur weitergeht?

Gup: Ich bin derselbe Finanzexperte, der die Krise damals nicht kommen gesehen hat.

Zur Person

Benton E. Guplehrt Finanz an der University of Alabama. Davor arbeitete er als Ökonom für die Federal Reserve Bank von Cleveland (einer der Teilbanken des US-Notenbankverbundes Federal Reserve System) und für die US-Bankenaufsicht, das Office of the Comptroller of the Currency.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2009)

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