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Junge Migranten zwischen zwei Welten

(c) Die Presse (Teresa Zötl)
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Probleme mit der Identität, Schwierigkeiten in der Schule, am Arbeitsmarkt und ein schlechtes Image: Soziologin Hilde Weiss über die Verwurzelung von Jugendlichen der zweiten und dritten Generation in Österreich.

Die Presse: Ob erste, zweite oder dritte Generation – haben migrantische Jugendliche nicht häufig dieselben Probleme?

Weiss: Was alle gemeinsam haben, ist die Verwurzelung in der Herkunftskultur. Wie lange das dauert, bis sie schwächer werden, sich auflösen – oder im Gegenteil, dass man zu ihnen zurückkehrt.

 

Bei einigen Gruppen scheint das leichter als bei anderen zu gehen.

Weiss: Viele türkische erste Generationseltern hatten schlechte Bildungsqualifikationen. Dazu kommen noch kulturelle Effekte. Eine Religion mit einer starken Symbolik von Kleidung, Essgewohnheiten und Riten, die noch eine zusätzliche Fremdheit erzeugen.

 

Aber das primäre Problem liegt in der Bildung?

Weiss: In meiner Studie über die zweite Generation waren es bei den Türken 65 bis 70 Prozent, wo die Eltern keine Berufsqualifikation hatten. Doppelsprachige Erziehung ist ja gut, aber die Eltern können oft nicht einmal richtig Türkisch. Diese Faktoren blockieren die Brücken in den Arbeitsmarkt und in die kulturelle Akzeptanz.

 

Wie groß ist denn der Wille, sich zu integrieren?

Weiss: Bei der zweiten Generation war ich erstaunt, dass kaum Unterschiede zwischen migrantischen und einheimischen Jugendlichen bestehen. Also etwa die Bereitschaft, bei Kommunalwahlen teilzunehmen, ist sehr stark.

 

Aber politische Partizipation ist etwas anderes als Teilnahme durch Arbeit, Sprache, Durchmischung.

Weiss: Das ist ein wichtiger Punkt: Wie groß ist die Bereitschaft, sich auf interethnische Kontakte einzulassen? Aber wenn jemand schon in einem segregierten Wohnviertel lebt, darf man sich nicht wundern, wenn die Alltagskontakte homogen sind. Da ist ein gewisses Maß an Integrationspolitik gefordert.


Aber es muss auch auf Seite der Migranten eine Bereitschaft geben.

Weiss: Ethnische Gruppen reagieren unterschiedlich auf intime Partnerwahlen. Die türkische Gruppe wählt viel stärker Heiratspartner, Freundschaften untereinander, auch wenn ein gemischter Optionsrahmen da wäre. Da haben wir eine kulturelle Tradition, die mit einer sozialen Skepsis in der Kontaktaufnahme einhergeht.

 

Liegt die Schuld dafür in den Elternhäusern?

Weiss: Ja, das kann man ganz sicher sagen. Es besteht eine Scheu davor, dass die Kinder das werden, was man verwestlicht nennt.

 

Welche Gruppen identifizieren sich stärker mit Österreich, welche mit dem alten Herkunftsland?

Weiss: Jugendliche klagen, dass sie sich überhaupt entscheiden müssen. Wir haben unter anderem gefragt: Ist Österreich meine Heimat? Mehr als zu sagen, dass man sich zu Hause fühlt, kann man eigentlich nicht. Und das sagen gut zwei Drittel, wenn auch unterschiedlich nach Herkunftsgruppen.

 

Wo ist es stärker, wo schwächer?

Weiss: Es ist schwächer bei der türkischen Gruppe, gefolgt von Ex-Jugoslawien, am stärksten bei jenen aus dem östlichen Raum. Aber es gibt auch jene, die sagen: weder hier noch dort. Mit 40 Prozent sind die bei den Türken recht stark. Insgesamt liegt sie bei etwa 30Prozent. Diese entwurzelte Gruppe gilt als problemanfällig.

 

Welche Probleme sind das?

Weiss: Sie sind leicht ansprechbar für radikale Ideologien. Religion wird oft als Hülle verwendet, ohne dass man zum Inhalt eine Beziehung hat. Da sind Zeichen einer Labilität, eines Getriebenwerdens.


Wie kann man die Vernetzung mit Österreichern fördern?

Weiss: Hauptträger ist die Schule. Da lernen sich Kinder verschiedener Kulturen kennen, sie ist auch ein sozialer Lernraum. Dementsprechend muss man mehr ganztägige Angebote zusammenstellen. Das ist noch wichtiger als das Thema Gesamtschule.


Es gibt aber Schulen, in denen bestimmte Migrantengruppen schon die Mehrheit stellen.

Weiss: Für den Erfolg in der PISA-Studie etwa ist die Durchmischung gar nicht so wichtig ist. Allerdings kann man sagen: Je durchmischter eine Gruppe, desto besser gelingt soziale Integration.


Gibt es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Weiss: Hier hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan. Nicht nur in Österreich, auch bei Migrantenkindern erreichen Mädchen eine immer höhere Bildungsbeteiligungsquote. Und gehen auch weiter in höhere Bildungswege.


Es gibt aber Mädchen, die von der Schule ferngehalten werden.

Weiss: Das ist vor allem ein Problem der türkischen Gruppe. Immer wieder werden 14-Jährige aus der Pflichtschule ausgeschieden. Aber auch das wird besser. Doch es ist nach wie vor so, dass noch immer weniger in höhere Schulen gehen als bei anderen Herkunftsgruppen.

 

Wie sieht es am Arbeitsmarkt aus?

Weiss: Die Frage ist, wie sehr sich der Status der schlecht ausgebildeten Arbeitskräfte vererbt. Etwa ein Drittel ist nicht in der Lage, sich vom Status der unqualifizierten in qualifizierte Arbeit hinaufzuarbeiten. Gerade im Westen, wo sozialer Aufstieg der Kitt der Gesellschaft ist, ist das ein Problem.

Woran scheitert es?

Weiss: Viele Jugendliche erzählen, dass ihre Bewerbung wegen ihres Namens abgelehnt wurde. Tatsächlich haben wir festgestellt, dass Suchprozesse bei der zweiten Generation doppelt so lange dauern wie bei österreichischen Jugendlichen.

 

Anderes Thema: Wie sieht es mit der Kriminalität aus?

Weiss: Natürlich gibt es Prügeleien, Probleme mit der Polizei, Alkohol- und Drogenkonsum. Aber im Vergleich mit Einheimischen gibt es keine signifikanten Unterschiede.


Woher kommt dann das schlechte Image jugendlicher Migranten?

Weiss: Man sieht selten, was die zweite Generation leistet. Zwei Drittel haben im Vergleich zu den Eltern den Status verbessert. Man sieht oft nur Kopftuch und geringe Sprachkompetenz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2009)