Der Tourneesieger Wolfgang Loitzl wird als Mensch auf dem Boden bleiben. Als Sportler hat er aber Lust auf mehr: Er will am Kulm gewinnen und träumt von WM-Gold.
BISCHOFSHOFEN. Der Himmel über Bischofshofen war hell erleuchtet. Mit einem grellen, ohrenbetäubenden Feuerwerk endete die 57. Vierschanzentournee, und als der letzte Kracher verstummt war, strahlte Gesamtsieger Wolfgang Loitzl noch immer über das ganze Gesicht. Er hatte mit makellosen Sprüngen, Bestnoten – die Wertung fünfmal 20,0 schafften vor ihm nur Anton Innauer (1976) und der Japaner Kazuyoshi Funaki (1998) – und seinem souveränen Auftreten die Schlagzeilen des Events bestimmt. Fotografen umschwirrten den Steirer noch Stunden nach der Siegerehrung, Reporter und Kameras drängten sich um ihn, und trotz des Rummels blieb Wolfgang Loitzl der, der er immer war – der geduldige „Wuff“.
Zwei Sieger aus Bad Mitterndorf
Mit der Ruhe um seine Person ist es aber vorbei. Als Tourneesieger sprang er ins Rampenlicht, nun warten unzählige PR-Termine. „Er ist jetzt eine öffentliche Person“, sagt etwa Hubert Neuper, der die Tournee zweimal gewinnen konnte. „Aber er hat einen entscheidenden Vorteil: Ich tauchte damals als junger Bursch an der Spitze auf, er ist 28 und hat viel Erfahrung!“ Dass Bad Mitterndorf der Nabel der Skisprungwelt ist, stand für Kulm-Organisator Neuper zwar ohnehin „schon immer“ fest, dass aber zwei Tourneesieger aus dem gleichen Ort kommen, ist eine Premiere. Das soll beim Skifliegen (ab Freitag) zelebriert werden – womöglich erhält eine Straße in Bad Mitterndorf sogar einen neuen Namen. „Loitzl-Highway“ klingt aber doch etwas übertrieben ...
Der gefeierte Skispringer gönnte sich nach seinem größten Triumph ein kurzes, aber intensives Time-out. Zwei Tage lang wollte er sich von den Strapazen erholen und Zeit mit der Familie verbringen. Wolfgang Loitzl bleibt als Mensch auf dem Boden, als Sportler aber hat er nach seiner „Verwandlung“ vom Platzspringer zum Siegertypen Lust auf mehr bekommen. Ein Sieg auf dem Kulm sei, wenngleich nicht einfach, nicht ausgeschlossen. Ebenso schließt er die Verwirklichung eines weiteren Kindertraumes nicht mehr aus: eine WM-Medaille, im Einzel. „Ich bin mir sicher, dass mir das Gas nicht ausgehen wird“, sprach er in Bischofshofen in die auf ihn gerichteten Mikrofone, ich habe jetzt die Gewissheit, dass ich jederzeit ganz oben stehen kann.“
Loitzl sticht in der fast durchwegs um mehr als fünf Jahre jüngeren Mannschaft mit seiner besonnenen, ausgeglichenen Art hervor. Wie viele der ÖSV-Adler durchlief der Steirer die Talentschmiede im Skigymnasium Stams. Doch erst bei seiner 13. Tournee sollte ihm der Durchbruch gelingen. Bei der WM in Liberec (ab 18. Februar) stehen Cheftrainer Alexander Pointner daher nun mit Loitzl, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer gleich drei Sieganwärter zur Verfügung. Ein Luxus, den sich Pointner gerne „leistet“. Vor allem, weil WM-Gold die einzige Medaille ist, die in seiner Sammlung noch fehlt. Wer sie gewinnt, ist ihm egal, Hauptsache Österreich bekommt einen Weltmeister. „Es war eine großartige Tournee“, sagt Pointner, „sie hat einen verdienten Sieger. Für mich ist es ein Märchen im Hochleistungssport. Und diesen Aufwärtstrend werden wir fortsetzen.“
1,430 Millionen TV-Zuschauer
Während sich am Dreikönigstag knapp 30.000 Menschen rund um die Schanze von Bischofshofen drängten, verzeichnete auch der ORF regen Zuspruch. Bis zu 1,430 Millionen TV-Zuschauer sahen den zweiten Durchgang (58 Prozent Marktanteil). Das ist nach den Olympiabewerben 2002 bzw. 2006 der dritthöchste Wert, den Skispringen seit 1995 erreicht hat.
ZUR PERSON
■Wolfgang Loitzl
Geboren am 13. Jänner 1980 in Bad Ischl. Er wohnt in Bad Mitterndorf, ist seit zehn Jahren mit Marika verheiratet, die beiden haben zwei Söhne (Benjamin, Niklas).
■Der Zeitsoldat ist seit 1995 im ÖSV-Kader, gewann viermal WM-Gold mit der Mannschaft und beendete im 223. Anlauf seine Sieglosigkeit im Weltcup beim Neujahrsspringen 2009.
■Im Rahmen der 57. Vierschanzentournee landete er drei Tagessiege und gewann die Tourneewertung.
■Er liebt seine Harley DavidsonSportster 1200 Custom, ihm taugt der Film „Braveheart“, seine liebste TV-Serie aber ist „Ein echter Wiener geht nicht unter“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2009)