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Liebestrank im Internet: Eine Nase voll Vertrauen

Nase
(c) Www.bilderbox.com (BilderBox.com)
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Oxytocin, ein Peptidhormon, wird im Internet bereits als Körperspray „Liquid Trust“ verkauft. Nur Quacksalberei? Potenter Liebestrank? Was kann dieses Gutfühlhormon wirklich?

Es brauche nur Vertrauen, beteuern uns „Wirtschaftweisen“, dann werde sich die Wirtschaft schon erholen. Doch Vertrauen kann man nicht dekretieren: Wer dazu angehalten wird, reagiert erst recht verunsichert.

Aber kaufen könne man es, zumindest das Vertrauen anderer: Das verspricht seit einigen Monaten die amerikanische Firma „Vero Labs“, die einen Körperspray namens „Liquid Trust – „flüssiges Vertrauen“ – via Internet feilbietet. Mit diesem Spray auf dem Leib, heißt es in den üblichen von der Firma gleich mitgelieferten „Testberichten“, seien Bewerbungsgespräche kein Problem mehr: Der zukünftige Arbeitgeber verhalte sich regelrecht devot – und erst seine Sekretärin! Noch größere Wirkung auf diese verspricht übrigens „Liquid Trust Enhanced“: Es enthält zusätzlich Androstenon und Androsteron, Abbauprodukte des männlichen Sexualhormons Testosteron (siehe Kasten).

Zusätzlich wozu? Zu Oxytocin, einem Peptidhormon, dessen Name von den griechischen Wörtern für „schnell“ („oxys“) und „Geburt“ („tokos“) kommt: Es beschleunigt die Geburt, indem es die Kontraktionen der Gebärmutter, die Wehen, auslöst. Später steigert es die Milchproduktion. Es fördert auch das mütterliche Verhalten, die Bindung der Mutter an ihr Kind.

 

Grund für die Rolle der Brüste?

Genauso fördert es andere Bindungen, zum Beispiel zwischen Liebespartnern – zumindest bei Menschen. Und bei anderen Säugetieren, die fixe Paarbindung kennen. Das sind gar nicht so viele. Deshalb vermuten manche Biologen, dass die Paarbindung den biochemischen Mechanismus der Mutter-Kind-Bindung quasi gekapert habe, das könnte auch die erotische Rolle der Brüste erklären: „Die Stimulation des Gebärmutterhalses und der Brustwarzen während der sexuellen Intimität sind starke Auslöser von Oxytocin im Gehirn und dürften bewirken, dass die emotionale Bindung zwischen den Partnern stärker wird“, schreibt Larry Young, Verhaltensforscher an der Emory University in Atlanta, in Nature (457, S.148).

Nicht nur zwischen Sexualpartnern. Als „Klebstoff der Gesellschaft“ bezeichnet Paul Zak, Direktor des Center for Neuroeconomic Studies in Kalifornien, das Oxytocin: Es schaffe die Verbindung zwischen sozialem Kontakt und positiven Gefühlen. In diesem Sinn behandeln Forscher der Mount Sinai School of Medicine in New York sogar Autisten mit Oxytocin: Sie berichteten, dass deren Fähigkeit, die Gefühle von Mitmenschen aus deren Stimme zu hören, steigt. Allerdings wird den Patienten das Hormon intravenös verabreicht. Was sich eher nicht empfiehlt, wenn man z.B. das Verhalten eines künftigen Arbeitgebers manipulieren will.

Wird Oxytocin überhaupt durch die Nase aufgenommen? Ja, aber nicht sehr effizient. Es ist doch ein ziemlich großes Molekül (es besteht aus neun Aminosäuren); wenn man es via Deodorant wirken lassen wollte, müsste man den Zielpersonen näher kommen, als das in der Arbeitswelt üblich ist. Das erklärt wohl, warum unabhängige Tester von „Liquid Trust“ über keine Erfolge berichten.

In seriösen Studien wird aber die Wirkung von direkt in die Nase gesprühtem Oxytocin erforscht. Es steigert die Fähigkeit, menschliche Gesichter – nicht aber leblose Objekte – wiederzuerkennen (Journal of Neuroscience, 7.1.), verbessert also das Gedächtnis für sozial relevante Informationen. In Spielexperimenten erhöht es das Vertrauen in die Mitspieler, die Testpersonen handeln großzügiger und vertrauensvoller, auch wenn es um echtes Geld geht. Was wohl in der Finanzkrise nicht praktisch anwendbar ist. Sehr wohl auf praktische Anwendungen zielen Psychologen in Sydney: Sie testen den Einsatz von Oxytocin per Nasenspray in der Paartherapie.

 

Besteht keine Suchtgefahr?

Spätestens hier fragt sich der Vertrauensseligste: Kann der Einsatz dieses Hormons auch unerwünschte Wirkungen haben? Besteht nicht Suchtgefahr? – Immerhin wirkt Oxytocin wie Drogen über den Neurotransmitter Dopamin, über das Belohnungszentrum im Gehirn. Tatsächlich dürfte ein Teil der Wirkung von Ecstasy darauf zurückzuführen sein, dass es die Oxytocin-Level erhöht: Damit wäre der „zweite Summer of Love“ in den seligen Spätachtzigern quasi ein Produkt des oft als „Liebeshormon“ bezeichneten Oxytocin, scherzen Biologen. Aber schon heute ist Oxytocin in manchen Ländern frei erhältlich – zur Behandlung von Problemen beim Stillen –, und man hat noch nie gehört, dass es als Droge gehandelt wird. Ein Unterschied zwischen physiologischer Wirkung und äußerlicher Applikation dürfte sein, dass Oxytocin im Körper in bestimmten Rhythmen ausgeschüttet wird.

 

Chemische Bindung prägt Bindung

Spannend für Biochemiker – und für Pharmazeuten – sind die Rezeptoren, an denen Oxytocin angreift. Erstens, weil dort auch andere, vielleicht kleinere, flüchtigere Moleküle angreifen könnten. Zweitens, weil auch sie für die Oxytocin-Wirkung bestimmend sind: Sie prägen damit, wie leicht sich ein Individuum bindet. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass unterschiedliche Varianten dieser Rezeptoren (die auf Unterschiede im entsprechenden Gen zurückzuführen sind) das Hormon unterschiedlich stark binden.

Nachgewiesen ist das bisher allerdings nur bei einem in Chemie und Wirkung nahe verwandten Hormon: Vasopressin, Eine simple Studie hat ergeben, dass Männer mit einer bestimmten genetischen Umgebung des Vasopressin-Rezeptors doppelt so häufig unverheiratet sind wie andere Männer, und wenn sie verheiratet sind, doppelt so häufig über Ehekrisen zu berichten wissen. „Vielleicht“, meint Larry Young, „werden eines Tages genetische Tests auf die Eignung eines potenziellen Partners erhältlich sein – und bei der Partnerwahl wichtiger sein als das Gefühl.“ Auch, weil sich dieses durchaus chemisch respektive biochemisch manipulieren lässt, wie Mephisto wusste: „Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, Helenen bald in jedem Weibe.“ – Was der Bindung dann doch wieder abträglich wäre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2009)