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Wie kriminell sind Migranten? Polizei erhebt keine Daten

Türkisch beschriebene Hauswand
(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Durch das Fehlen fundierter Daten sind Emotionen Tür und Tor geöffnet. Schlechte Ausbildung, sprachliche Barrieren, Gettoisierung und Arbeitslosigkeit führen viele in die Kleinkriminalität.

Wien. Gibt es statistische Daten über die Kriminalität junger Migranten der zweiten und dritten Generation in Österreich? „Nein, dieses Faktum wird nicht erfasst“, sagt Wiens Landespolizeikommandant Karl Mahrer klipp und klar. Es wird zwar eine Statistik geführt, die den Fremdenanteil bei strafrechtlichen Verurteilungen ausweist, aber den Kern der Problemstellung trifft sie nicht. In dieser Statistik werden Asylwerber genauso gezählt wie etwa Kriminaltouristen.

Durch das Fehlen fundierter Daten sind Emotionen somit Tür und Tor geöffnet. Demnach wird in manchen Wiener Bezirken – glaubt man Berichten von „Einheimischen“ – die gesamte Kriminalität von „Ausländern“ beherrscht. Befragt man dazu Polizisten, die täglich mit Kriminalität zu tun haben, ergibt sich ein etwas differenziertes Bild: „Es gibt Bereiche, in denen wir es sehr oft mit Menschen mit Migrationshintergrund zu tun haben“, erklärt ein hoher Beamter, der ungenannt bleiben will.

Dazu zähle etwa die von Jugendlichen begangene Straßenkriminalität. In Bezirken mit hohem Ausländeranteil gebe es Jugendgangs, die sich ausschließlich aus Migrantenkindern zusammensetzen. Sie leiden unter Perspektivlosigkeit: Schlechte Schulausbildung, sprachliche Barrieren, Gettoisierung und Arbeitslosigkeit führen viele auf direktem Weg in die Kleinkriminalität. Auch im Drogenhandel sei der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund hoch.

Ein weitgehend unerforschtes Terrain: Drogenmissbrauch in muslimisch geprägten Familien. Durch die Tabuisierung innerhalb der Familie und nicht erfolgte Therapiemaßnahmen gleiten zahlreiche junge Drogenkranke in die Kriminalitätsspirale ab. Eine Möglichkeit für die Polizei, ein wenig Einblick in diese Grauzone zu erhalten, ist die Aktion „Wien braucht dich“.

Sie wendet sich seit November 2007 gezielt an junge Menschen mit Migrationshintergrund. In einer aufwendig gestalteten Info-Kampagne soll ihnen das Berufsbild Polizist schmackhaft gemacht werden. Damit soll Zuwanderern signalisiert werden, dass die Polizei auch für sie da ist. Zudem hofft das Landespolizeikommando, mehr Einblick in die verschiedenen Zuwanderer-Communitys zu erhalten.

 

Neo-Österreicher für Exekutive

Ziel ist es, im Jahr 2012 zumindest einen Polizisten mit Migrationshintergrund in jeder der knapp 100 Wiener Polizeiinspektionen zu haben. Derzeit verfügt die Polizei nur über rund 50 Beamte (wovon rund 20 aus Deutschland stammen), die keine österreichischen Wurzeln haben. Ende 2009 sollen es dann aber schon 80 sein. Rund 30 Beamte mit ausländischen Wurzeln befinden sich derzeit in Ausbildung.

Jugendliche mit Migrationshintergrund zu finden, die sich für den Dienst in der Polizei interessieren, sei laut Landespolizeikommando nicht schwierig. Problematisch sei jedoch die zweite Phase, jene der Aufnahmsprüfungen. Hier scheitert der Großteil der neo-österreichischen Bewerber. Die größten Schwierigkeiten bereitet die Sprachbeherrschung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2009)