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Wirtschaftskrise bremst Migration

(c) AP (Manish Swarup)
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Steigt die Arbeitslosigkeit, sinkt die Bereitschaft, das Risiko von Migration auf sich zu nehmen. Innenministerin Fekter will trotz Rückgängen an der bisherigen Einwanderungspolitik festhalten.

WIEN. Auswandern ist auch keine Lösung. So lässt sich verkürzt das Phänomen umschreiben, das die globale Wirtschaftskrise mit sich bringen wird. Migrationsexperten gehen davon aus, dass mit sinkender wirtschaftlicher Entwicklung auch die Migration abnimmt.

Zum einen gibt es weniger Arbeitsplätze, für die es sich auszuwandern lohnt. Zum anderen „ist in Zeiten von Krisen die Risikoaversion höher“, sagt Heinz Fassmann vom Institut für Geografie und Regionalforschung der Universität Wien – die Sparquote steigt, Unternehmer investieren weniger, auch die Migration nimmt ab.

Demograf Wolfgang Lutz von der Akademie der Wissenschaften sieht die Zuwanderung ebenfalls deutlich gebremst: „Die Märkte sind zu, die Arbeitslosigkeit steigt, und die Migration wird schwächer werden.“ Außerdem gibt es ja ohnehin kaum ein Land, das von der Krise nicht betroffen ist.

 

Einbrüche plastisch darstellbar

Für diese Annahmen, nämlich, dass wirtschaftliche Krisen zu einer Abnahme der Zuwanderung führen, sprechen auch empirische Belege. So lässt sich etwa an den Wanderungssalden in Österreich (s. Grafik) plastisch darstellen: Einbrüche gibt es, wenn die Konjunktur nachlässt, wie etwa rund um die erste Ölkrise 1973, als viele Gastarbeiter mangels Arbeit wieder die Heimreise antraten. Ähnlich sieht das Bild bei der zweiten Ölkrise 1979/80 aus.

Erste Anzeichen für Abwanderung im Rahmen der aktuellen Krise sieht man zum Beispiel in Großbritannien – hier hat bereits vergangenes Frühjahr ein Exodus der bis zu 1,2 Millionen polnischen Gastarbeiter eingesetzt, die mangels Arbeit wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Und auch bei jenen Arbeitskräften aus dem östlichen Europa – etwa Rumänien und Bulgarien –, die erst vor Kurzem ihr Glück im Ausland gesucht haben, rechnet Experte Fassmann mit einer baldigen Rückkehr in die Herkunftsländer – auch, wenn mit Griechenland, Spanien, Ungarn und Portugal erst gestern, Donnerstag, vier weitere EU-Staaten ihre Arbeitsmärkte für die beiden jüngsten EU-Mitglieder geöffnet haben.

Bei Western Union, dem weltweiten Spezialisten für Bargeldüberweisungen, einem Service, von dem in erster Linie Migranten Gebrauch machen, konnte man bereits im Frühsommer 2008 den Rückgang der Migration beobachten: Die Überweisungen aus großen Städten wie New York nach Mexiko gingen sprunghaft zurück – ein guter Indikator für das Platzen der Immobilienblase und die Rückkehr der auf dem Bau beschäftigten Migranten in ihre Heimat.

Diese Indizien sprechen gegen die These, dass auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten der Bedarf an Arbeitsmigranten vorhanden sei. Noch im Dezember ist die Internationale Organisation für Migration (IOM) sogar von stärkeren Migrationsströmen ausgegangen.

„Besonders stark von der Krise betroffen sind konjunkturgebundene, zyklische Sektoren wie Baugewerbe und Tourismus“, sagt Fassmann. Hier sei das sinkende Wirtschaftswachstum besonders stark zu spüren. Aber es ist bei Weitem nicht nur die legale Migration – auch die illegale Einwanderung sinkt in Krisenzeiten. So ging etwa an der mexikanischen Grenze die illegale Einwanderung in die USA auf den niedrigsten Wert seit den Siebzigerjahren zurück.

 

Fekter will nichts ändern

Auch die illegale Einwanderung nach Österreich könnte sinken: „Es gibt die These, dass durch die Krise das Schleppergeschäft austrocknet, weil in den betroffenen Ländern das Geld fehlt, sich nach Europa bringen zu lassen“, sagt Innenministerin Maria Fekter im Gespräch mit der „Presse“. Es gebe aber auch die Einschätzung, dass durch die Krise mehr Menschen in Not kämen und in vergleichsweise reiche Länder einwandern wollten, so die Ministerin. In Österreich werde es daher vorerst keine Änderung der Einwanderungspolitik geben: „Da der Arbeitsmarkt dreht, werden wir nicht mehr Arbeitskräfte ins Land holen.“

Wie sehr sich die Krise schon bisher auf die Bevölkerungsentwicklung ausgewirkt hat, lässt sich derzeit noch nicht seriös abschätzen, da die aktuellsten Daten erst bis Juni 2008 erfasst sind. Bei der Statistik Austria geht man davon aus, dass die konkreten Zahlen über das Jahr 2008 Mitte Mai ausgewertet sind. Aber müssen die Bevölkerungsprognosen angesichts der Krise nun revidiert werden? Das wohl nicht. Denn auch diese Krise ist irgendwann vorbei. Dann wird die ins Stocken gekommene Migration wieder zunehmen – und Auswandern wieder eine Lösung sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2009)