Seit September ist er parallel Direktor der Bayerischen Staatsoper, bis Sommer pendelt er zwischen Wien und München. Jetzt vergleicht er seine Arbeitsplätze.
Einen langen Abschied von Wien vollführt derzeit Klaus Bachler, der das Burgtheater seit zehn Jahren, bis zum Ende dieser Saison, leitet. Seit September ist er parallel Direktor der Bayerischen Staatsoper, bis Sommer pendelt er zwischen Wien und München. Was wird er von der alten Stadt vermissen, was reizt an der neuen? „Für mich ist Wien die Praterallee am Sonntagvormittag, es sind die Weinberge des neunzehnten Bezirks an einem Herbsttag, die Mölkerbastei und die Strudlhofstiege. Dort liegt das eigentlich Gute, kulturell und historisch, das, was Österreich und Wien ausmacht. Es ist eine melancholische Stadt voller Todessehnsucht, immer mit spielerischen Momenten.“ Bachler ist kein Kaffeehausmensch, will sich nicht anbiedern, bezeichnet sich gerne als „Lonesome Rider“. „Ich bin ein Wanderer, den es in die Ferne zieht, ich liebe die Straßen und die Parks.“
In München hat es ihm Schwabing angetan, das studentische Milieu. „Diese Stadt ist viel überschaubarer als Wien, sie ist genau definiert, es gibt auch den Englischen Garten mittendrin, dem ich schon verfallen bin. Alles ist in München sehr zentral, wirkt im Vergleich mit der einstigen Weltreichsmetropole hier kleiner. Die Residenzstadt München hat ein menschliches Maß in ihren Gebäuden und Straßen.“ Diesen Unterschied sieht der Intendant auch zwischen seinen beiden Häusern. „Das Problem mit dem Burgtheater war immer auch die Größe, sie ist nicht das normale, das humane Maß. Das Haus in München hat das schon, es ist hell, leicht und offen.“
Das Tor zum Osten
Bachler interessieren ganz bestimmte Perioden an den beiden Städten. „In Wien ganz eindeutig die Türkenzeit und das Barock. Wien ist das Tor zum Osten. Auch die Erneuerung von der Ringstraßenzeit bis zur Moderne der Jahrhundertwende finde ich interessant. In München ist es die Zeit, als die Franzosen unter Napoleon dort waren. Die Bayern-Herrscher waren auch italophil, haben italienische Städte nachgebaut. Während Wien in die Liga von Metropolen wie Petersburg und Istanbul gehört, assoziiere ich mit München Straßburg oder Florenz.“
Was unterscheidet die Strukturen der Häuser, die Bachler derzeit parallel leitet? „Man kann Schauspiel und Oper nicht vergleichen, der Unterschied ist viel größer als nur der des Metiers. Es sind beides alte, solide Institutionen. Wir haben in zehn Jahren aus dem Burgtheater ein Instrument gemacht, das alles kann, es ist von höchster Sensibilität, Wachheit, Modernität – ein Paradies. Anfangs habe ich ein nach innen emigriertes Haus vorgefunden. Es war sehr fein, die Mitarbeiter sich langsam öffnen zu lassen. Heute ist das Burgtheater einer der lustvollsten Arbeitsplätze überhaupt.“
München habe sehr alte Strukturen. „Es gibt für mich viel zu tun. Ich werde einige Reformen einleiten. Schon erlebe ich dabei eine Begeisterung, bei der es viel mehr um Inhalte geht als hier in Wien. Hier gibt es ja den Mythos von der Theaterstadt. Es ist aber eigentlich nur das Interesse rund um das Theater riesig, das Interesse an den Inhalten selbst würde ich weitgehend anzweifeln. In Wien ist Theater viel mehr ein Politikum als anderswo, weil es ein gesellschaftliches Ereignis ist und auch als solches genutzt wird.“ Wie werden seine Erfahrungen als Theatermacher in die Oper einfließen? „Das Theater erneuert sich bis heute immer noch über neue Stücke und Autoren. Der Einfluss eines Bernhard, einer Jelinek, eines Jonke, eines Handke ist unglaublich groß. Das gibt es in der Oper nicht. Sie ist ein Medium der Vergangenheit. Man hat nur einen Weg, wenn man nicht N?-Theater machen will mit genau festgelegten Gesten – Erneuerung.“ Die meisten vorwärtstreibenden Regisseure seien aus dem Theater gekommen, viel weniger aus der Musik.
„Inszenierungen sind vergänglich“
Bachler sieht Avantgarde jedoch auch skeptisch. „Der postdramatische Weg, der in den letzten zwanzig Jahren auch nicht vor der Oper stehen blieb, scheint ausgeschritten, wir gehen wahrscheinlich in eine andere Zukunft. Am interessantesten überhaupt war für das Theater die Entwicklung der Klassen, der unterschiedlichen Schichten. Das hat die Theatergeschichte beeinflusst. Heute gibt es das nicht mehr, wir machen ganz andere, radikale Veränderungen der Wahrnehmung durch. Film, Fernsehen und Internet – diese neuen Perzeptionsformen sind für uns prägend.“
Für sein neues Haus schwebt ihm eine Art Grundverfassung vor. Artikel eins: „Wir sind ein Medium für die Gegenwart, wir suchen in der Vergangenheit ein besseres Verständnis für das Heute. Das ist mir wichtig, das zieht auch die richtigen Künstler an. Wir wollen über die Gegenwart erzählen, unser Mittel ist die Musik.“ Der Operndirektor lobt die Tugend eines Repertoirehauses. „Das ist ideal für unser Projekt. Man gibt einer Stadt die Möglichkeit, Kulturgeschichte sinnlich zu erfahren, und muss nur darauf achten, dass das Repertoire nicht zu alt wird. Inszenierungen sind vergänglich.“
An seinem Münchener Musikdirektor Kent Nagano schätzt er die Offenheit, das Intellektuelle. „Er ist sehr interessiert und dadurch auch verführbar, ein wirklicher Partner, ein teamfähiger Mensch.“ Bachlers Premieren der ersten Saison sind „Macbeth“, „Wozzeck“, „Palestrina“, „Jenufa“, „Aida“ und „Lohengrin“. Steckt dahinter ein System? „Alles zielt auf Lohengrin hin, auf das wichtige Wort Vertrauen. Ich halte aber relativ wenig von Spielzeittiteln. Ein Motto kann man meist über alles drüberschreiben, so wie etwa ,Das Spiel der Mächtigen‘ bei den Salzburger Festspielen.“
Eine persönliche Sache. Schubert.
Kann er von Wien zehren? „Sentimentale Rückblicke will ich nicht. Ich brauche die Distanz, zum eigenen Schutz. Die Arbeit ergibt ein sehr persönliches Verhältnis zu Künstlern, man könnte das auch Freundschaft nennen, aber es sind ganz eigene Freundschaften, man hält einen bestimmten Abstand. Sicherer bin ich nicht geworden in diesen zehn Jahren, aber viel freier und mehr ich selbst. ,Werde, was du bist‘ – das hat mir das Burgtheater ermöglicht.“
Seinen Grundcharakter sieht er in Beweglichkeit und Bewegung. „Langeweile ist mir unerträglich, das Verharren in Situationen ist mir unvorstellbar. Das ist nicht nur ein positiver Zug. Schubert ist mir als Komponist persönlich der Nächste. Das Wandern, das Verlassen, die Einsamkeit, die Ausgesetztheit. Letztlich ist der Mensch allein, es gibt für mich keine Konstante. Es geht um den Weg und den Rausch. In einem Schubert-Lied heißt es: Und das Herz, eh es zusammenbricht, trinkt noch Glut und schlürft nochLicht.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2009)