Ephesos, Ahnherrin von Mariazell

ARCHÄOLOGIE. Sabine Ladstätter, in deren Händen die traditionellen österreichischen Grabungen der frühen Metropole in Kleinasien heute ruhen, berichtet über die Schwerpunkte ihrer Arbeit in der Saison 2008.

Was suchen Archäologen, wenn sie mit ihren Schaufeln anrücken? Das ändert sich im Lauf der Zeiten, den größten Reiz hat natürlich immer das Spektakuläre. So war es auch diesen Sommer in Ephesos, als Räuber ein Grab plündern wollten und unverrichteter Dinge abzogen, dann kamen in aller Eile die Forscher: Sie fanden reichlich Schmuck – darunter einen Goldring mit einer Gemme der Artemis –, sie fanden auch viele Skelette übereinander, manche aus der Zeit des Artemis-Kults, manche aus der christlichen Periode. Das war weniger spektakulär, aber das wirklich Spannende: Den Ephesern galten alle Toten gleich, sie räumten die früheren nicht weg – auch wenn sie anderen Glaubens waren –, als sie die späteren bestatteten.

Man kann das auch als Metapher für das gegenwärtige Interesse der Archäologen nehmen: „Als im 19.Jahrhundert Briten die Grabungen in Ephesos begannen, suchten sie natürlich das Weltwunder, den Tempel der Artemis, das Artemision“, berichtet Sabine Ladstätter, die seit 2008 als stellvertretende Leiterin die österreichische Ephesos-Tradition – das Archäologische Institut gräbt seit 1895 – weiterführt, finanziell unterstützt vom FWF: „Aber diese Ausgräber hatten auch ein sehr modernes Konzept, sie haben nicht nach Zeitaltern gewertet.“ Das änderte sich im 20.Jahrhundert, 1956 proklamierte Franz Miltner, der damalige österreichische Grabungsleiter, er wolle „die Stadt vom Schutt befreien, ihr ihren ursprünglichen Glanz geben“. Den sah Miltner in der römischen Periode, der darüberliegende „Schutt“ – byzantinisch – interessierte ihn nicht. „Das war ein anderer Zugang, es waren große, schnelle Grabungen, und ohne sie hätten wir viele Monumente nicht“, will Ladstätter den Vorgänger nicht verurteilen.

Umzug wegen wegwandernder Küste

Aber heute ist man wieder bei den Anfängen und gibt allen Phasen der Stadt den gleichen Rang, erweitert die Grabungshorizonte in Zeit und Raum, auch im sozialen, man erkundet etwa das Leben der Arbeiter im Hafen. Hafen? Bei Ephesos ist weit und breit kein Meer! Aber als Ephesos gegründet wurde, war es da, die Stadt lag an der Küste, dann wanderte die weg – Flüsse brachten Sedimente –, die Bewohner mussten folgen und immer neu bauen. Das bringt den Archäologen den Vorteil, dass keine der frühen Siedlungen auf den Trümmern der vorigen errichtet wurde, so ist auch die allererste, Cukurici Höyük, relativ einfach zugänglich.

Sie stammt aus dem 6.vorchristlichen Jahrtausend, vielleicht sogar aus dem 8., man weiß nicht, wer die Siedler waren, man weiß nicht, wie viele sie waren, aber man tastet sich – unter Obhut von Ladstätters Mitarbeiterin Barbara Horejs – an sie heran, erkundet ihre Lebensgewohnheiten und ihre Umwelt. Da geht es nicht um Prunk und Pracht, da geht es um Pflanzenpollen und Essensreste: Die Bewohner sammelten Muscheln, aber sie aßen auch Fische, müssen Boote, nautische Fähigkeiten und Fischereiwerkzeug gehabt haben.

Aber von Fisch alleine lebten sie nicht, man fand auch Tierknochen, ihre Auswertung verspricht viel: „Es geht um die ,Neolithisierung‘, das Sesshaftwerden und die Entwicklung der Landwirtschaft, das Domestizieren von Pflanzen und Tieren“, erklärt Ladstätter, „das alles kam damals aus dem Zweistromland und dem Osten Anatoliens, aber wann und wie es an die Küste kam, ist wenig erforscht.“ Das gilt auch für spätere Perioden, die griechische etwa, vom 8. bis 4. Jahrhundert v. Chr. Die Reste liegen tief im Boden, das Grundwasser steht hoch, aber Ladstätters Mitarbeiter Michael Kerschner ist am nördlichen Stadtberg auf der Spur.

Es folgen die großen Zeiten, die der Artemis und die der Römer, hier ist vieles bekannt, Ladstätter will durch Schwerpunktsetzungen Zusammenhänge sichtbar machen, etwa den von „Kult und Herrschaft“. Der erste (bekannte) Kult in Ephesos war der der Artemis – eher eine asiatische Fruchtbarkeitsgöttin als die griechische der Jagd –, aber es war nicht nur ein Kult, das Artemision war ein Wirtschaftsunternehmen mit Großgrundbesitz, es bot Asyl, Steuerflüchtlingen, aber auch Arsinoe, der Schwester Kleopatras. Cäsar hatte sie in Ägypten gefangen und im Triumphzug in Rom vorgeführt, dann ließ er sie ins Exil. (Es bot nur vorläufigen Schutz: Als Mark Anton mit Kleopatra 41v. Chr. nach Ephesos kam, ließ er Arsinoe ermorden; manche sehen hinter diesem Frevel den Anfang seines Endes.)

Zur Prozession aus dem Tempel geholt

Diese Tradition – Tempel als Ort des Asyls – wurde von den Christen aufgenommen, sie kamen früh nach Ephesos, Paulus war dort, Johannes war dort, Maria ist dort gestorben. Ihre Verehrung knüpft an die der Artemis an: Die Göttin wohnte als Holzstatue in ihrem Tempel, periodisch wurde sie herausgeholt, angekleidet – mit einem Gewand, das viele Brüste zeigt oder, nach einer anderen Interpretation: Stierhoden – und in einer Prozession auf einem Wagen durch die Straßen geführt. „Das ist eine ikonografische Parallele zum Marienkult bis nach Mariazell“, erklärt die Forscherin.

Auch die Geschäfte dürften ähnlich gut gelaufen sein, Ephesos war eine „enorme Pilgerstätte“ mit allem, was dazugehört, es gab Märtyrer, es gab Wunder, etwa das der Siebenschläfer: Das waren sieben Jünglinge, die in der Zeit der Christenverfolgung in eine Schlucht flüchteten, dort einschliefen und erst im 5.Jahrhundert wieder erwachten, da war die Stadt christlich. Wie lange blieb sie das, wie lange gab es sie überhaupt? „In jedem Lehrbuch steht, dass die Geschichte von Ephesos im 7.Jahrhundert endet“, erklärt Ladstätter, „das kommt daher, dass man keine späteren Münzen gefunden hat. Aber es gab nur keine Münzversorgung mehr, die Stadt blieb, wir haben ein Gräberfeld aus dem 14.Jahrhundert gefunden.“

10.000 Jahre Geschichte

Ephesos, etwa 70 Kilometer südlich von Izmir, lag einst am Meer, dann verschob sich die Küste. Dorthin waren erste Siedler vermutlich vor 10.000 Jahren gekommen. Nach wechselvoller Geschichte fiel die Stadt 133 v.Chr. an Rom, sie wurde Hauptstadt der Provinz Asia. Im zweiten Jahrhundert hatte sie 150.000 bis 200.000 Einwohner.

Seit 113 Jahren graben österreichische Archäologen, seit dem Vorjahr unter der Leitung von Sabine Ladstätter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2009)

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