Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Migranten-Los: Schlechte Bildung wird häufig vererbt

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Jugendliche können wegen ihrer Sprachprobleme dem Unterricht nicht folgen und finden später kaum einen Job. Mangelnde Deutschkenntnisse blockieren oft die Karriere von Migranten.

WIEN. Schulklassen, in denen kein einziges Kind die deutsche Sprache versteht; Lehrer, die sich um fremdsprachige Kinder kümmern müssen und den Lehrplan für die Klasse nicht mehr umsetzen können; Jugendliche, die wegen ihrer Sprachprobleme dem Unterricht nicht folgen können, schlechte Noten bekommen und später kaum einen Job finden: Vor allem in Wien konzentrieren sich die Probleme, mit denen Migrantenkinder im Bildungsbereich kämpfen.

Denn die Gastarbeiter, die vor rund 40 Jahren nach Österreich kamen, hatten im Vergleich zu den Gastarbeitern in Deutschland, Skandinavien oder der Schweiz großteils keine oder nur eine geringe Schulausbildung, wie die Migrationsexperten Rainer Münz und Heinz Fassmann bereits im Jahr 2000 bzw. 1999 festhielten.

Bildung wird in vielen Fällen vererbt, weshalb sich die Situation nicht entscheidend verbessert hat, wie das Institut für Jugendforschung in einem Forschungsprojekt (2006/2007) herausfand: „In Sonderschulen und Hauptschulen sind Kinder aus der Türkei und Ex-Jugoslawien überproportional stark vertreten. Das spricht dafür, dass die Problematik der Bildungsbenachteiligung insbesondere auf die Nachkommen von Arbeitsmigranten zutrifft“, heißt es dort. Nachsatz: „Das wird auch durch einen Vergleich der Pisa-Ergebnisse zur Lesekompetenz von Schülern bestätigt.“

 

Kinder in die Türkei geschickt

Kurz: Bildung wird oft vererbt. Daher können nur wenige Migrantenkinder, auch in der dritten Generation, ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern vorweisen – was auf deren Jobchancen und ihren sozialen Aufstieg durchschlägt.

Wie es in der Praxis aussieht, erzählt Walter Riegler (Pflichtschullehrer-Gewerkschaft): „Kinder der dritten Generation, die hier als Staatsbürger geboren wurden, wachsen oft ganz bewusst in ihren Heimatländern, beispielsweise bei den Großeltern, auf.“ Nachsatz: „Die kommen zum Schuleintritt nach Wien, ohne Deutsch zu können, was ein großes Problem ist.“ Riegler schätzt den Anteil von Kindern, die von ihren Eltern in die Türkei oder nach Ex-Jugoslawien gebracht werden, um in der alten Heimat aufzuwachsen, auf „30 bis 40 Prozent“: „Es gibt aber keine genauen Zahlen dazu.“

Was das Problem verschärft: In den Familien wird oft noch die ehemalige Muttersprache gesprochen. Gleichzeitig sorgen die konservativen Vorstellungen vieler Zuwanderer dafür, dass sich die Kinder nur z.B. im türkischen Freundeskreis aufhalten bzw. in diesen Kreisen heiraten – womit schlechte Deutschkenntnisse einzementiert, Bildungschancen und sozialer Aufstieg (Jobchancen und höherer Verdienst) verbaut werden. Diese Entwicklung führt in Gebieten mit billigem Wohnraum, z.B. entlang des Wiener Gürtels, zu einer Konzentration von Kindern in Schulen, „wo nur ein einziger Österreicher unter 25 Schülern ist“, erzählt Riegler: „Die Kinder sind ja gescheit und lernwillig und es gibt ja engagierte Pädagogen.“ Nachsatz: „Aber einem Sechsjährigen kann man kaum Rechnen beibringen, wenn er nicht Deutsch kann. Das ist der Jammer.“

Die Leiterin der Wiener Schulpsychologie, Mathilde Zeman, ortet dagegen eine Trendwende: „Das Problem ist vorhanden, aber deutlich geringer als früher.“ Der dritten Generation sei heute bewusst, dass sie Bildung benötige: „Sie sind in den Schulen dahinter, dass sie diese Bildung auch bekommen.“ Heute gebe es deutlich mehr Schüler mit Migrationshintergrund in der AHS als früher. Ein weiteres Indiz für die Schulpsychologin: Bei Wien-weiten Aufbaulehrgängen, mit denen Lehrlinge die Matura nachholen können, gibt es mehr Kinder mit Migrationshintergrund als gebürtige Österreicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2009)