Rätselhaftes 2009. Soll ich wie wild AUA-Aktien kaufen? Und wie oft werde ich den „Faust“ sehen?
Und schon wieder ein großes Schiller-Jubiläum! Ausgerechnet im Todesjahr von Georg Friedrich Händel wurde der Dichter der Gedankenfreiheit 1759 geboren. Daran wollte ich nur rechtzeitig erinnern, ehe diese bemerkenswerte Koinzidenz im Taumel des Haydn-Jahres und des zweifach determinierten Darwin-Jahres untergeht. Es wäre also für einen bescheidenen Mitarbeiter der seit 1848 neuen und freien „Presse“ durchaus angebracht, im Krisenjahr 2009 zumindest den Don Carlos in der Inszenierung von Andrea Breth wieder einmal anzusehen, der dankenswerterweise demnächst im Burgtheater erneut gespielt wird.
Spätestens am 12. April aber werde ich in patriotischem Freiheitsdrang die Feuerwerksmusik abspielen, um der ersten Bergisel-Schlacht zu gedenken, die dann auch schon wieder 200 Jahre her sein wird, sozusagen als Vorbereitung für das sentimentale Andreas-Hofer-Jahr 2010. Und auch Erzherzog Johann, der den Tiroler Freiheitskampf damals nach Kräften förderte, sollte man nicht vergessen. Er starb vor 150 Jahren in der reifen Blüte seiner Jahre, in Graz. Zur intensiveren Lektüre von The Origin of Species ist er nicht mehr gekommen, obwohl der naturwissenschaftlich interessierte Landesvater dieses epochale Werk sicher geschätzt hätte. Weil ihm sein Bruder, Kaiser Franz II., nach Niederschlagung des Tiroler Freiheitskampfes verbot, dieses heilige Alpenland auch nur zu betreten, ging er eben in den Osten und modernisierte die Steiermark.
Wer weiß, wäre die vierte Bergisel-Schlacht am 1.November1809 nicht verloren gegangen und wären die dekadenten Wiener vor dem brutalen Napoleon nicht eingeknickt, vielleicht hätte dann das Inntal heute die Auto-Cluster-Industrie und auch den wunderbaren Erzherzog-Johann-Jodler.
Genug von der unbewältigten Vergangenheit! Zwei rätselhafte Fragen sind für mich im neuen Jahr noch offen: Soll ich, um ein wenig Optimismus in mein Portefeuille zu bringen, noch im Jänner wie wild AUA-Aktien kaufen, weil es ohnehin nicht schlimmer kommen kann? Und wie oft werde ich mir 2009 den Faust anschauen? Aus einem Grund, der sich mir nicht erschließt, wird dieses Jahr nämlich schon wieder ein Goethe-Jahr. In Linz spielt man Faust I und sogar II (aus lauter Übermut wohl), in St.Pölten hingegen beschränkt man sich auf Gretchens Faust. Im Burgtheater aber lässt der scheidende Direktor demnächst den Faust gleich von zwei hausfremden Ensembles spielen. Wenn dann der neue Direktor im Herbst mit der von ihm persönlich gestalteten Faust-Inszenierung seinen Einstand feiert, werden wir also nicht nur von drei Bergisel-Schlachten, Dutzenden Händel-Opern und hunderten Haydn-Symphonien erschöpft sein, sondern auch schon ahnen, wie hintergründig Mephisto angelegt werden kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2009)