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Frau Bernhard hat auch einen

Jetzt reitet er wieder. „Meine Preise“: neun Berichte über neun Literaturpreise. „Ich hass- te die Zeremonie, ich hasste die Preisgeber, ich nahm das Geld.“ Ein neuer Thomas Bernhard aus dem Nachlass. Unver- schämtheit, preisverdächtig.

Einmal freilich ist die MinisterinFirnberg sanft eingenickt währenddes Festakts, sie schnarchte, wenn auch recht leise, „sie schnarchte das leise Ministerschnarchen, das weltbekannt ist“ (Grillparzerpreis). Einmal wieder drohte der Minister Piffl-Perčević dem Preisträger nach dessen Dankesrede – „Verehrter Herr Minister, wir sind Österreicher, wir sind apathisch“ – mit der Faust, der Ministerfaust,und rannte, Türen knallend, aus dem Festsaal hinaus mit hochrotem Kopf (Kleiner Österreichischer Staatspreis). Einmal sogar wurde der Preis feierlich an „Frau Bernhard“ überreicht, wohl eine Verwechslung (Literarische Ehrengabe des Bundesverbandes der Deutschen Industrie).

Thomas Bernhard verabscheute Literaturpreise. Dennoch nahm er sie in Empfang; in Festsälen voller Schweiß, Würde und Heuchelei. „Mein Kopf wehrte sich jedesmal dagegen. Aber ich war doch die ganzen Jahre zu schwach, um Nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großesLeck.“ Auch einen eigenen „Feierlichkeitsanzug“ hat er sich zugelegt – bei „Sir Anthony“, dem „von mehreren Sockeneinkäufen her“ ihm bereits bestens bekannten Wiener Herrenmodengeschäft –, einen Preisverleihungsfeierlichkeitsanzug in feinem Anthrazit. „Es war alles widerwärtig, aber am widerwärtigsten empfand ich mich selbst. Ich hasste die Zeremonie, aber ich machte siemit, ich hasste die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“

Als da etwa wären. 5000 Mark (Campe-Preis, 1964): Ankauf eines Autos der Marke Triumph Herald, weiß lackiert, rote Lederpolsterung, „naturgemäß in der höchsten Befriedigungsklasse“, nach drei Monaten leider Totalschaden auf einer Bergstraße in Istrien. – 10.000 Mark (Bremer Literaturpreis,1965): Anzahlung für den Erwerb eines verfallenen Vierkanthofes in Ohlsdorf. „Es gab elf oder zwölf Räume, alle in völlig verwahrlostem Zustand, und der Geruch von Hunderten, wenn nicht, wie ich dachte, von Tausenden von vertrockneten Mäusen und Ratten war in der Luft.“ – 25.000 Schilling (Wildgans-Preis, 1967): Erneuerung der verfaulten äußeren Fensterflügel des Vierkanters.Und so fort.

Thomas Bernhard hasste Literaturpreise,ja, er verabscheute sie so sehr, dass er 1980 ein Buch darüber zu schreiben sich genötigt sah: „Meine Preise“. Neun Berichte über neun Preisverleihungen.

Einige Indizien sprechen dafür, dass dieProsaarbeit für den Herbst 1989 von Bernhard zur Publikation vorgesehen war. Eskam, am 12. Februar 1989, der Tod dazwischen. Das Typoskript fand sich im Nachlass in durchgearbeitetem, korrigiertem Zustand, wie Raimund Fellinger in seinen editorischen Anmerkungen darlegt. Zum 20. Todestag des Autors kommt das schmale Werkjetzt erstmals heraus.

Ein Bernhard-Überbleibsel, ein Überbleibsel-Bernhard aus der Schublade, etwas angestaubt womöglich und unfrisch? Nun will ein Thomas Bernhard ja nicht gepriesen werden, er hasst das, und darum sei es möglichst verblümt gesagt: „Meine Preise“ rangiert literarisch ebendort, wo der Triumph Herald (der mit der roten Lederpolsterung) automobilistisch einzuordnen ist, nämlich naturgemäß in der höchsten Befriedigungsklasse. Der Besuch bei „Sir Anthony“; die Eichhörnchen auf der Baumgartner Höhe; der Piffl-Perčević; die Vierkanthof-Besichtigungmit dem Immobilienmakler Hennetmair; die Schuhkauf-Tipps von George Saiko – sehr preisverdächtiges Buch!

Was weiters zu bemerken ist: Zur Entgegen- nahme eines Literaturpreises gehört nach altem Brauch die Dankesrede. Thomas Bernhard, es ist bekannt, vermochte nur unterZeitdruck, in extremem Tempo zu schreiben. Das traf sich gut, da kamen ihm die Dankesreden gerade recht. Die mussten pünktlich zum Festakt fertig sein, keine Minute früher. Er konnte also knapp bemessen arbeiten, und dies bedeutete in aller Regel: „Ich frühstückte und frühstückte“ – die Rede ist vom Frühstück am Tag der Preisverleihung –,„aber mir war noch immer nichts eingefallen. Schon hatte ich meinen Feierlichkeitsanzug an und würgte an den letzten Frühstücksbissen. Und da, auf dem Höhepunkt meiner Verzweiflung, setzte ich mich an den Fensterschreibtisch und tippte ein paar Sätze in die Maschine.“

Große, berühmte Bernhard-Sätze, geflügelte Worte sind aus diesen provokant kurz gehaltenen Dankesreden hervorgegangen. Etwa: „Mit der Klarheit nimmt die Kälte zu.“Oder: „Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Sentenzen, die heute zum Bildungskanon eines jeden aufgeweckteren Gymnasiasten gehören. Es stimmt schon, noch selten ist einem Dichter dermaßeneruptiv – wir sagen nicht: ejakulativ – Weltliteratur aus der Feder gekommen; die Unverschämtheit freilich, mit der er sich in„Meine Preise“ darüber auch noch lustigmacht („Nun hatte ich die Urkunde und meinen Scheck in der Hand, und ich verlas meine Notizen von der Klarheit, die in der Kälte zunimmt“), führt uns aufs Neue drastisch vor Augen: Dem Mann ist wirklichnichts heilig.

Der warmherzigste, der berührendste derneun Texte – darf man ihn den schönsten nennen? – ist jener über die Verleihung desLiteraturpreises der Bundeswirtschaftskammer 1976 in Schloss Kleßheim. Bernhard erhielt den Preis für die Schilderung seiner Zeit – „dieser für mein ganzes Leben nützlichen Zeit“ – als Kaufmannslehrling in derSalzburger Scherzhauserfeldsiedlung (in demBuch „Der Keller“). An der Festtafel in Kleßheim kommt er neben dem Präsidenten der Salzburger Handelskammer, Haidenthaller, zu sitzen, der ihn darauf aufmerksam macht, dass er vor 30 Jahren dem Lehrling Th.B. die mündliche Kaufmannsgehilfenprüfung abgenommen habe. „Chinesische Teesorten, die heikelste Prüfungsfrage“, und er, Bernhard, habe die richtige Antwort gewusst, so Haidenthaller. Ein leiser, bescheidener, vornehmer Mann, „seine Art zu sprechen gefiel mir“. Zwischendurch flüstert BernhardsNachbar zur Linken, der Salzburger Verleger,dem Autor ins Ohr, dass Haidenthaller todkrank sei, Krebs, und keine zwei Wochen mehr zu leben habe. „Als Herr Haidenthaller sich wieder mir zuwandte, hatte die Unterhaltung naturgemäß eine neue Dimension. Wir lachten auch ein paarmal, und mir war aufgefallen, dass mein Tischnachbar einmal sogar laut aufgelacht hatte. Die Unterhaltungmit einem, von dem man weiß, er stirbt in der kürzesten Zeit, ist nicht die leichteste.“ Ob Haidenthaller es selbst wusste? Oder war das Ganze nur ein übles Gerücht?

In den folgenden Tagen liest Bernhard imKaffeehaus in Gmunden zuallererst im-
mer die Partezettelseiten in den Zeitungen. „Schon waren 14 Tage vergangen, und der Name Haidenthaller war nicht abgedruckt. Aber am 15. oder 16. Tag stand der Nameschwarz umrandet und groß in der Zeitung.“Der Verleger hatte sich nur um ein oder zwei Tage geirrt. „Ich saß im Kaffeehaus und beobachtete die Möwen vor dem Fenster und hörte auf einmal wieder alles, was Herr Haidenthaller an der Tafel in Kleßheim zu mir gesagt hatte.“ Chinesische Teesorten, die heikelste Prüfungsfrage. „Ja, sagte ich, ich erinnere mich auch.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2009)