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Der schwarze Spiegel

Muss ich meinem Sohn wirklich alles erzählen von seinem Großvater, meinem Vater, von seiner Begeisterung für das nationalsozialistische Regime, von seiner Uniform mit den Doppelrunen? Oder darf ich darüber schweigen?

Ich weiß nicht, ob es am fortschreitenden Alter liegt oder ob es andere Gründe dafür gibt, jedenfalls denke ich in den letzten Jahren immer öfter an meine Kindheit zurück, die ich größtenteils in Linz verbrachte. Dann sehe ich das Villenviertel auf dem Bauernberg vor mir, einem sanften Hügel über der Stadt, wo ich mit meiner Mutter, dem Stiefvater und den beiden Geschwistern lebte. Ich sehe den weitläufigen Park, der unsere Wohngegend von der lärmenden Stadt trennte, die ruhigen Straßen, alten Villen und verwachsenen Gärten, in denen wir als Kinder spielten. Das war Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre, hier und da gab es noch Relikte des wenige Jahre zuvor zu Ende gegangenen Krieges, zerschossene Fassaden und Bombenruinen. Am Ende unserer Straße stand ein ehemaliger Gasthof, in dem nun Flüchtlinge untergebracht waren, sogenannte Volksdeutsche aus Polen. Weil sie anders sprachen als wir, ein härteres Deutsch, riefen wir ihnen, grausam, wie Kinder nun einmal sind, Spottverse nach. Manchmal prügelten wir uns mit den Flüchtlingskindern, die uns meist überlegen waren: Sie hatten schon viel erlebt und gelernt, sich zur Wehr zu setzen.

Insgesamt erinnere ich mich jedoch an eine unbeschwerte, behütete, glückliche Kindheit. Erst viele Jahre danach begann mir langsam zu dämmern, wie trügerisch diese Idylle war. In Wahrheit stand meine Kindheit unter einem dunklen, ja schwarzen Stern. DieErwachsenenwelt ummich herum, die mirGeborgenheit vermitteln sollte, war schwer traumatisiert und nur unter Aufbietung aller Kräfte in der Lage, vor uns Kindern den Anschein der Normalität zu wahren. Sogar das friedliche Villenviertel, in dem wir wohnten, barg düstere Geheimnisse, die auch mich selber betrafen, obwohl ich zu jener Zeit noch nichts davon ahnte.

Da war ein Haus in unserer Nachbarschaft, nur ein paar Gehminuten vom meinem Elternhaus entfernt. Eine große, von solidem Reichtum zeugende Villa, die einem Industriellen gehörte, dessen Name mir entfallen ist. Hin und wieder blieb ich auf dem Weg zur Schule am Zaun stehen und schaute in den fremden Garten, in dem ich einen mürrischen alten Mann in Arbeitskleidung sah, den Gärtner, der sich an Büschen und Blumenrabatten zu schaffen machte, ohne mir die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Das weit von der Straße zurückgesetzte Gebäude machte einen abweisenden Eindruck, die meiste Zeit waren alle Fensterläden geschlossen, die Besitzer hielten sich angeblich viel im Ausland auf.

Als ich damit begann, mich mit der Geschichte meiner Familie, voran der Figur meines Vaters, auseinanderzusetzen, erfuhr ich, dass in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft in diesem Haus der Linzer Abschnitt des SD, des Sicherheitsdienstes der SS, untergebracht war. Dort hatte also auch mein leiblicher Vater, der eine Zeitlang die Linzer Gestapo geleitet hatte, in seiner Funktion als Angehöriger des SD Dienst gemacht. Vermutlich hatte er dort ein eigenes Büro, jedenfalls einen eigenen Schreibtisch. Ich habe manchmal versucht, mir vorzustellen, wie dieser Schreibtisch wohl aussah, obwohl das ohne Bedeutung ist. Doch oft sind es gerade die scheinbar belanglosen Dinge, die einem rastlos im Kopf herumgehen.

Mein Vater war im Frühjahr 1947 auf der Flucht ums Leben gekommen. Er war nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands untergetaucht und wollte sich mit einem Reisepass des Roten Kreuzes, ausgestellt auf einen falschen Namen, nach Südamerika absetzen, wie so viele Kriegsverbrecher. Beim Versuch, illegal über die italienisch-österreichische Grenze am Brenner zu gelangen, wurde er von einem Südtiroler Schlepper in Raubabsicht ermordet. Da war ich noch keine drei Jahre alt.

Dieser Umstand erklärt, warum ich keine bewusste Erinnerung an meinen Vater habe. Ich weiß noch, wie erstaunt, ja befremdet ich war, als mir meine Mutter zum ersten Mal ein Bild von ihm zeigte und sagte, das sei mein richtiger Vater. Das war im Haus des Stiefvaters, der mich stets wie den eigenen Sohn behandelte. Das Foto zeigte einen Mann in Bergsteigerkleidung, auf einem Fels sitzend, im Hintergrund ein weites Schneefeld, vielleicht ein Gletscher. Ich suchte in seinem Gesicht nach bekannten, vertrauten Zügen, konnte jedoch keine entdecken. Der Mann war für mich ein Fremder. Der Unbekannte, mein Vater.

Was bedeutet es für mich, dass der Vater, den ich nie wirklich kennenlernte, mit dem ich nie spazieren ging, nie Gespräche führte, der mich nie rügte, dass dieser Vater bei der SS, beim SD und bei der Gestapo war, dass er ein Sonderkommando der gefürchteten Einsatzgruppen leitete, zuerst in Polen und dann in der Slowakei, dass er in der Nähe von Warschau die Erschießung polnischer Geiseln befahl und in den slowakischen Bergen mit seinen Leuten Jagd auf Juden und Partisanen machte? Dass mein Vater ein Mörder war oder jedenfalls, kraft seines Amtes und Ranges, Morde befahl?

Ohne Zweifel hat die Vergangenheit meines Vaters auch mich geprägt, mein ganzes Leben. Ich weiß sehr wohl, dass ich keine singuläre Erfahrung machte, dass ich keine Ausnahme darstelle: Viele Angehöriger meiner Generation wurden irgendwann, die einen früher, die anderen später, mit der Erkenntnis konfrontiert, dass der Vater oder Großvater ein Täter war, mit der Waffe in der Hand, vielleicht auch am Schreibtisch. Der geliebte Vater, das Vorbild, dem wir in kindlicher Fügsamkeit nacheifern wollen, um einmal so zu werden wie er. In meinem Fall war das eine beklemmende Vorstellung, die mir Alpträume verursachte. Das Bewusstsein, dass es noch andere Menschen gibt, die ähnliche Erfahrungen machten wie ich, empfand ich nie als tröstlich. Am Ende war ich ja doch ganz allein mit meinen privaten Dämonen, mit meinen quälenden Fragen an den Vater, den Unbekannten, der mir keine Antwort mehr geben konnte. Hätte ich es gewagt, ihm diese Fragen zu stellen, wenn er am Leben geblieben wäre? Hätte er mir geantwortet? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich jahrelang in mich hineinhorchte, mein Inneres durchforschte, mich selber beobachtete und belauerte, um herauszufinden, ob es etwas gibt, was mich mit diesem Mann verbindet, in meinem Denken, in meinem Blut. Ich glaube nicht an die von den Nationalsozialisten gepredigte Lehre von der Vererbung über das Blut, ich halte sie für unwissenschaftlichen Humbug. Aber was, wenn sie auch nur ein Quäntchen Wahrheit enthält?

Mein Vater blieb mir fremd, doch er ist mein Vater, zu dem ich mich bekennen muss, ob es mir gefällt oder nicht. Seinen Vater kann man sich nicht aussuchen wie ein Kleidungsstück, man kann ihn höchstens verleugnen, auch vor sich selber. Man kann versuchen, die Augen vor der Realität zu verschließen. Aber ist das ein Ausweg aus dem Dilemma? Ich glaube nicht. Ich glaube vielmehr, dass man sich dem Vater genauso stellen muss wie der Geschichte, auch wenn das unbequem oder gar schmerzlich sein mag. Dennoch habe ich mich unzählige Male gefragt, wie es kam, dass ausgerechnet mein Vater diesen schrecklichen, für mich unbegreiflichen Weg einschlug. Warum gerade er?

Lag das an den Umständen der Zeit, am großdeutschen, chauvinistischen, antisemitischen Gedankengut, das er von seinen Eltern, meinen Großeltern, vermittelt bekam, mit denen auch ich einen großen Teil meiner Kindheit verbrachte? Ich habe nächtelang schlaflos gelegen und mir das Gehirn zermartert, um eine befriedigende Antwort auf die Frage zu finden, wie ein durchschnittlich intelligenter, gebildeter Mann, der wie wir alle gelernt hat, Gut und Böse zu unterscheiden, einerseits ein liebender Sohn und Vater sein kann und zur selben Zeit ein Täter, der bedenkenlos unschuldige Menschen erschießt. Und zwar nicht im Affekt, in blinder Wut, die einem die Sinne vernebelt, sondern mit Vorbedacht, kaltblütig, bürokratischen Anordnungen gehorchend. So oft ich auch diese Frage wälzte, blieb da immer etwas, was ich nicht begreifen konnte, was sich meiner Vorstellungskraft entzog.

Damit will ich nicht sagen, dass es unsinnig wäre, in diesen Abgrund zu schauen, der mir manchmal wie ein schwarzer Spiegel erscheint. Im Gegenteil, ich halte es für eine Notwendigkeit, mich mit der Vergangenheit, meiner ganz privaten Vergangenheit, auseinanderzusetzen. Ohne etwas zu beschönigen, ohne etwas auszublenden, ohne etwas zu übertünchen. Darin sehe ich auch eine Verpflichtung gegenüber meinem Vater. Und das bin ich den Opfern schuldig, die unter ihm litten. Dazu gehört es auch, die Opfer der Anonymität zu entreißen und zu versuchen, ihnen ihre Namen, ihre Geschichte zurückzugeben, damit sie nicht bloß Zahlen in einer Statistik bleiben, Unbekannte ohne Gesicht. Das hat nichts mit einer Abrechnung mit dem Vater zu tun, sondern es ist unerlässlich, um mich selber zu begreifen, um zu verstehen, wer ich bin, nicht zuletzt in meinem Verhältnis zu meinem unbekannten Vater.

Eine Abrechnung mit dem Vater hat mich nie interessiert, dafür fühle ich mich nicht zuständig, ich kann ihn nicht richten, das überlasse ich anderen.


Noch ein anderes Bild aus meinen Kinderjahren in Linz tauchte vor Kurzem durch eine seltsame Fügung wieder aus der schemenhaften Erinnerung. Wenn ich auf meinem Gang zur Schule einen kleinen Umweg wählte, was ich oft machte, weil ich ein verspieltes, trödeliges Kind war, kam ich an einem ungewöhnlichen Bauwerk vorbei, das jedes Mal meine Aufmerksamkeit erregte. Es handelte sich um einen kleinen, pseudogriechischen Tempel in dem besagten Park am Bauernberg. Ein runder, offener Säulenpavillon mit einem Podest im Inneren, auf dem eine bronzene Statue der Aphrodite stand. Der Tempel und die umgebende Parkanlage waren, wie mein Stiefvater erzählte, ein großzügiges Geschenk eines reichen Linzer Bürgers an seine Heimatstadt. Die Aphrodite hatte allerdings eine andere Geschichte, die der Stiefvater unerwähnt ließ, wenn vom Tempel die Rede war.

Doch ich interessierte mich damals weniger für die Geschichte der weiblichen Figur, sondern mehr für ihre nackten Formen. In den frühen Fünfzigerjahren war der Anblick entblößter Frauenbrüste keine Alltäglichkeit, schon gar nicht für einen kleinen Buben wie mich. Ich kann nicht ausschließen, dass die Aphrodite vom Bauernberg überhaupt die erste nackte Frau war, die ich aus der Nähe zu sehen bekam. Wenn keine anderen Parkbesucher in Sichtweite waren, konnte ich der nackten Dame aus Bronze ganz ungeniert nahe treten, um sie eingehend zu betrachten.

Vor wenigen Monaten las ich eine kurze Zeitungsmeldung, wonach mein frühes Lustobjekt aus dem Tempel am Bauernberg entfernt wurde. Studenten der Kunstuniversität in Linz hatten im Zug historischer Recherchen herausgefunden, dass die Bronzefigur, das Werk eines heute in Vergessenheit geratenen deutschen Künstlers, erst viel später in den 1913 errichteten Tempel kam, nämlich 1942. Und zwar als persönliches Geschenk Hitlers an die Stadt Linz. Als die Verantwortlichen der Donaustadt von der bedenklichen Herkunft der Aphrodite erfuhren, ließen sie diese kurzerhand in ein Depot schaffen, als könnten sie auf diese Weise das Naheverhältnis Hitlers zu Linz, das in der Naziära stolz den Beinamen „Patenstadt des Führers“ trug, weil Hitler hier einige Jahre gewohnt und die Schule besucht hatte, vergessen machen.

Ich gehe davon aus, dass mein Stiefvater und meine Mutter über die dubiose Vergangenheit der Aphrodite vom Bauernberg Bescheid wussten. Gesprochen haben sie niedarüber. Jedenfalls nicht mit uns Kindern. So wie sie auch die SD-Geschichte der Industriellenvilla in unserer Nachbarschaft nie erwähnten. Geschweige die Tatsache, dass mein leiblicher Vater dort in SS-Uniform ein und aus gegangen ist. Solche Dinge wurden verschwiegen, solche Themen waren tabu.

In den Jahren nach 1945 wurde viel geschwiegen, verschwiegen, mit Schweigen zugedeckt. Meine Generation ist aufgewachsen in diesem Schweigen, das uns manchmal geradezu in den Ohren dröhnte. Doch im Verlauf der Jahre haben wir uns daran gewöhnt, und es ist uns am Ende gar nicht leicht gefallen, dieses Schweigen, das auch eine lindernde, beruhigende, einschläfernde Wirkung hatte, zu durchbrechen und damit zu beginnen, unseren Vätern verfängliche Fragen zu stellen. Rückblickend muss ich sagen, dass wir uns damit lang, viel zu lang Zeit gelassen haben. Vielleicht aus Bequemlichkeit oder in der Befürchtung, geliebte Personen zu verletzen oder Dinge zu erfahren, die wir in Wahrheit gar nicht wissen wollten.

Es ist eine grundlegende Erfahrung unserer Zeit und unserer Generation, dass vermeintlich harmlose Dinge, Bauwerke und Örtlichkeiten häufig eine Geschichte haben, die jahrelang im Dunkeln lag, die verschwiegen, ignoriert oder beiseite geräumt wurde, um die angenehme Ruhe nicht zu stören. Egal, ob es sich um ein friedliches Waldstück handelt, in dem ein Massengrab gefunden wird, von dem Bewohner der umliegenden Dörfer immer gewusst haben, um eine Ortschaft, von der plötzlich ruchbar wird, dass von dort unschuldige Menschen, Juden oder Zigeuner, in den Tod geschickt wurden, woran sich nach 1945 keiner mehr erinnern mochte, um eine elegante Villa, die den SD, die Gestapo oder andere Institutionen des Schreckens beherbergte, um eine Nervenheilanstalt, deren Insassen 1942 oder 1943 abtransportiert und ermordet wurden, oder eben um jene nackte bronzene Göttin vom Bauernberg in Linz, die gleichsam schuldlos ihre Unschuld verlor, wofür sie bestraft wurde, indem man sie aus den Augen der Öffentlichkeit verbannte.

Die vorgeblich objektive Wahrnehmung erweist sich bei genauerer Überprüfung oft als trügerisch, hinter sorgsam geglätteten Oberflächen tauchen mit einem Mal hässliche Flecken und Risse auf, die von vergessenen Schrecknissen zeugen. In vielen Fällen bedarf es aufwendiger Recherchen, geradezu archäologischer Schürfarbeit, um die verschütteten Schichten der Vergangenheit freizulegen, nicht selten sind es Zufälle, die Zusammenhänge aufdecken, von denen wir nicht gewusst oder die wir, öfter noch, aus unserem Bewusstsein verdrängt haben, weil uns die Wahrheit unangenehm und peinlich erschien.

Wir wissen, dass der Boden, auf dem wir uns hier in Mitteleuropa bewegen, brüchig ist, dass die dramatische Geschichte des vorigen Jahrhunderts überall Abgründe aufgerissen hat, die nur notdürftig zugeschüttet wurden. Oft sind auf diese Weise verborgene Hohlräume entstanden, wie bei aufgelassenen Bergwerken, die unvermutet einbrechen können, so dass wir uns plötzlich mit der Welt unserer Väter, mit Relikten der Vergangenheit konfrontiert sehen, von denen wir gehofft haben, dass sie nie mehr auftauchen.

Die Väter geben uns nicht frei, so sehr wir uns das auch manchmal wünschen, sie halten uns fest umklammert, in einem Griff, den wir nicht abschütteln können. Denn unsere Väter sind untrennbar ein Teil von uns selber, wir sind durch zahllose unsichtbare Fäden mit ihnen verbunden. Diese Erkenntnis kann wunderbar sein, andererseits aber auch erschreckend und bedrohlich.


Manchmal genügt ein Fragment,
ein einzelnes Bild, um uns vor Augen zu führen, wie gnadenlos die Geschichte in uns vertrauten Gegenden gewütet hat. Vor einiger Zeit fand ich bei einem Altwarenhändler in Wien eine Ansichtskarte von Lódź, aus der Zeit um 1900. Aufgenommen von dem bekannten Lódźer Fotografen Bronislaw Wilkoszewski, auch der Lódźer Canaletto genannt. Die Aufnahme zeigt einen Ausschnitt der ulica Piotrkowska, auf der Vorderseite der Karte steht der Straßenname, der Mode der Zeit entsprechend, französisch geschrieben: rue Piotrkowska. Wir sehen eine typische Straßenszene, zwei altmodische, vorn und hinten offene Tramwaywagen, der eine trägt die Nummer 21, der andere die Nummer 29. Neben dem Neunundzwanziger ist eine große Einfahrt zu sehen, vielleicht zu einem Palais. Vor dem Einundzwanziger drängen sich Passanten, zum Einsteigen bereit. Im Vordergrund sieht man zwei Männer, der eine trägt einen militärisch geschnittenen langen Mantel und eine Mütze mit kurzem Schild. Das Gesicht ist zur Hälfte von etwas verdeckt, was auf den ersten Blick wie eine mächtige Kinnbinde aussieht, vermutlich handelt es sich um einen Verband, um eine Wunde zu schützen. Eine Verletzung im Gesicht? Bei diesem Anblick dachte ich sofort an einen Studenten, Mitglied einer Burschenschaft, einer deutschen nationalen Studentenverbindung, der vor Kurzem eine Mensur geschlagen und dabei im Gesicht eine Verletzung durch einen Säbelhieb, einen sogenannten Schmiss, davongetragen hat.

Ich besitze eine Fotografie meines Vaters, der als Student einer deutschen Burschenschaft angehörte. Das Bild zeigt ihn nach einer geschlagenen Mensur, wie man in Burschenschaftskreisen ein Duell nannte: Auch er geht auf der Straße, allerdings nicht in Lódź, sondern in Graz, wo er studierte, mit einem ganz ähnlichen Verband im Gesicht. Auch die Körpersprache ist ähnlich, beide machen einen militärischen Eindruck, obwohl sie Zivilkleider tragen, ihre verbundenen Gesichter scheinen männlichen Stolz auszudrücken.

Ich kenne die Geschichte von Lódź zu wenig, aber ich weiß, dass es um 1900 hier viele Deutsche gab, mit einiger Sicherheitauch deutsche Studenten, unter denen sich vermutlich auch Mitglieder schlagender Verbindungen befanden, die sich mit dem blanken Säbel duellierten, um ihre Männlichkeit und Überlegenheit gegenüber anderen Menschen unter Beweis zu stellen, zum Beispiel gegenüber Juden – die galten als nicht satisfaktionsfähig.

Der zweite Mann, den wir im Vordergrund der Fotografie sehen, ist mitten in der Bewegung aufgenommen, wie er mit langen Schritten die Straße überquert, den linken Arm vorgestreckt, als hätte er es eilig. Auch er trägt eine Mütze und einen langen Mantel, den man jedoch unschwer als Kaftan erkennt. Der Mantel, die Mütze, der Bart, die ganze Körpersprache weisen den Mann als traditionell gekleideten Juden aus. Das war um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert kein ungewöhnlicher Anblick, Lódź besaß um 1900 einen bedeutenden jüdischen Bevölkerungsanteil: Industrielle, Angehörige der Mittelschicht, Kaufleute, Rechtsanwälte, Ärzte, aber auch Handwerker, Proletarier, Klein- und Kleinsthändler und Taglöhner. Neben dem polnischen und dem jüdischen gab es auch ein deutsches und ein russisches Lódź, die Stadt war multiethnisch, multikulturell.

Die erwähnte Ansichtskarte, ein zufälliges Fundstück, gibt schlaglichtartig einen kurzen Blick auf diese Wirklichkeit frei, eine Wirklichkeit, von der wir wissen, dass sie unwiederbringlich verschwunden ist. Verschwunden ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, eher sollte es heißen: zerstört, vernichtet, verbrannt, vergast. Von Männern in deutschen Uniformen, wie mein Vater sie trug.

Wenn ich den unbekannten Juden auf der erwähnten Ansichtskarte betrachte, der eiligen Schrittes über die Piotrkowska hastet, ohne den anderen Mann daneben, der ein deutscher Student sein könnte, zu beachten, frage ich mich, wie alt der Mann zum Zeitpunkt der Aufnahme wohl gewesen sein mochte? 25? 30? Wie er mit großen Schritten die Straße überquert, wirkt er jugendlich und energisch. Und ich frage mich, was mit ihm nach 1939 geschah, als die Deutschen die Stadt besetzten, falls er dieses Datum erlebte?

Im November 1939 wurde die Stadt in das deutsche Reichsgebiet eingegliedert, im April 1940 wurde Lódź in „Litzmannstadt“ umbenannt, nach einem deutschen General und Würdenträger des NS-Regimes, ungefähr zur selben Zeit wurde das zwei Monate vorher von den Deutschen eingerichtete Ghetto rigoros von der Außenwelt abgeriegelt. In der Stadt, in der mehrere Sprachen und Kulturen nebeneinander existierten, errichteten die Deutschen das erste Ghetto auf polnischem Boden: „Hier in Lódź begann das Experiment, 160.000 Menschen hermetisch abzuschließen. Hier wurde der erste Versuch unternommen, die jüdische Bevölkerung völlig von der Außenwelt zu isolieren, von den Nachbarn, von ihren Verdienstmöglichkeiten“, schreibt Leon Hurwicz in seinen berühmt gewordenen „Aufzeichnungen aus dem Lódźer Ghetto“. War der Jude von der Piotrkowska einer dieser 160.000? Oder war es ihm vorher gelungen, sich und die Seinen zu retten? Das ist eher unwahrscheinlich. Was mag er sich gedacht haben, als er, bereits ein alter Mann, barsch angewiesen wurde, mit seiner Familie ins Ghetto zu übersiedeln? Er kannte die Deutschen, er war in seinem heimatlichen Lódź, das nun Litzmannstadt heißensollte, jeden Tag Deutschen begegnet, Bewohner der Stadt wie er. Er beherrschte vermutlich ihre Sprache, hatte vielleicht zu Hause deutsche Bücher stehen. Durfte er die mitnehmen ins Ghetto? Wollte er das überhaupt?

Natürlich hat es in Lódź schon vor 1939 einen Antisemitismus gegeben, nicht nur vonseiten der Deutschen, auch die Russen hatten vor 1918 den Hass gegen die Juden geschürt, bekanntlich war es in Lódź wiederholt zu blutigen Pogromen gekommen. Und es gab auch einen polnischen, katholischen Antisemitismus, doch was die Juden jetzt erlebten, war in seiner ausweglosen, mörderischen Konsequenz neu. Der Holocaust, der Mord an den europäischen Juden, fällt aus allen bisherigen historischen Erfahrungen heraus, er lässt sich mit nichts vergleichen. Das erklärt das tiefe Trauma, das er in den betroffenen Gesellschaften hinterlassen hat, bei den Opfern ebenso wie bei den Tätern, aber auch bei denen, die unwillentlich zu Zeugen wurden, voran den Polen. Denn auf polnischem Boden errichteten die Deutschen (und Österreicher) die wichtigsten Einrichtungen der Vernichtungsmaschinerie, Auschwitz, Belźec, Treblinka . . .

Auch in Lódź ist dieses Trauma zu spüren, das bis heute nachwirkt. Es ist wie eine Wunde, die nie endgültig verheilt. Die Stadt wirkt wie amputiert. Ein wichtiger Teil von ihr wurde abgeschnitten. Ich habe keine Ahnung, wie lange Phantomschmerzen zu fühlen sind? Eine Generation lang? Zwei? Drei?

Auch in Lódź ist der Boden unsicher und voller Geheimnisse. Aber ist es wirklich nötig, alle diese Abgründe, diese beängstigenden Tiefen auszuloten? Müssen wir tatsächlich alles ans Tageslicht zerren? Wäre es nicht vernünftiger, die alten Geschichten ruhen zu lassen, die Toten endgültig zu begraben, die Namen der Täter aus dem Gedächtnis zu tilgen und ihre Taten nach so langer Zeit endlich dem Vergessen anheimfallen zu lassen? Wäre das nicht wünschenswert? Haben es sich unsere Kinder und Enkel nicht verdient, unbelastet von den schwarzen Schatten der Vergangenheit aufzuwachsen?

Muss ich meinem Sohn, der 30 Jahre alt ist, wirklich alles erzählen von seinem Großvater, meinem Vater, von seiner Begeisterung für das nationalsozialistische Regime, von seiner Uniform mit den Doppelrunen auf dem Kragenspiegel und dem Totenkopf an der Mütze, von seinem „Frontdienst“ als Chef eines Sonderkommandos der gefürchteten Einsatzgruppen, der ihn auch nach Polen führte? Oder darf ich darüber schweigen, darf ich meinen Sohn im Dunkeln lassen, soll ich versuchen, ihn vor diesen schrecklichen Wahrheiten zu schützen?

Eine Zeitlang habe ich das geglaubt, habe mich selber belogen, aus Trägheit, aus Feigheit. Heute weiß ich, dass das alte Sprichwort, wonach Schweigen Gold, Reden aber Silber ist, in diesem Fall keine Gültigkeit besitzt. Was die Vergangenheit angeht, ist es gerade umgekehrt. Nichts darf verschwiegen und zugedeckt werden, und sei es noch so unangenehm und peinlich.

Das bin ich unter anderem auch demunbekannten Juden auf der Piotrkowskaschuldig. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2009)