Theater: Gnadenlose Erwachsenenspiele

(c) Schauspielhaus Graz (Manninger)
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Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ jetzt auch in Graz – mit Venus von Willendorf, interessantem Bühnenbild und einem hochaktiven Ensemble.

Der Mensch ist eine Ziehharmonika: Mal wird er auseinandergezerrt, dann wieder gequetscht, gedrückt, gepresst, am Ende steht er zusammengefaltet, tonlos, verbraucht und staubig in einer Ecke. So ungefähr ergeht es auch den Menschen in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Der Stuttgarter Jo Schramm (34J.), der u.a. mit Christoph Schlingensief gearbeitet hat, baute das Bühnenbild im Schauspielhaus Graz: eine rote Holzkonstruktion und eine graue Wand mit einer darin eingelassenen Tür. Wand und Tür lassen sich nach oben zusammenziehen. Wenn die Wand heruntergelassen wird, bimmelt ein Glockenspiel. Raffiniert.

In diesem Stück werden bekanntlich Unmengen getrunken: Die Bar hat die Form der Venus von Willendorf, die vor 100 Jahren aufgefunden wurde und in einer originellen Plakatserie für das Naturhistorische Museum wirbt („Österreichs kleinster Popo“). Möglich, dass der Bühnenbildner in Graz mit der Venus, auf deren Hängebusen Gläser und Ginflaschen abgestellt werden können, einen Blickfang schaffen wollte, der sicher in Kritiken erwähnt wird, was hiermit geschieht. Über die Parallelen zwischen der Steinzeitfrau und den Damen in Albees Stück wollen wir lieber nicht nachdenken.

Wenn die Landestheater ihre Spielpläne machen, schauen sie nach Wien. Das ist so in Salzburg, in Linz, das sein Kulturhauptstadtjahr auf dem Sektor Bühne mit Namen bestreitet, die in Wien erfolgreich waren – und es ist offenbar auch so in Graz. Albees Beziehungsschocker hatte zuletzt Hochkonjunktur, war bei den Festwochen, am Wiener Volkstheater – und ist im Burgtheater zu sehen. Nun dürfen auch die Grazer ihre Erinnerungen an die Sixties auffrischen, als Frauen noch durch Ehe und Kinder definiert waren. Wenn beides nicht funktionierte, wurde es schwierig. Das ist aber nur eine Facette des Albee-Dramas, das saftige Auseinandersetzungen über Liebe, Geist, Natur, Materie, Opportunismus, Karrieresucht führt – stets hart am Rande der Schlägerei.

Erstaunlich ist, dass einen dieses Werk immer wieder fesselt, selbst wenn man es ein paarmal hintereinander gesehen hat. Dabei sind die szenischen Herausforderungen gering: Vier Personen befetzen sich, mehr findet eigentlich nicht statt. In Graz hat Regisseur Tom Kühnel „Mutter Erde“ Martha, die laut und vulgär alle als Versager beschimpft, aber trotzdem kein Monster sein will, das Hauptgewicht entzogen und auf ihren schlauen Ehemann, den Historiker George verlagert. Steffi Krautz, gedrungen, in Schwarz mit hübschem Dekolleté, agiert im übertragenen Sinne mit geballter Faust, schlägt aber oft auch ins Leere und stürzt am Ende in kreatürliche Traurigkeit ab, die nichts mit dem Alkohol zu tun hat. All ihre Leidenschaft, ihre Existenz, hat diese ruppige Göre einem Mann geschenkt, der die Erwartungen ihres übermächtigen Vaters, des Uni-Dekans, nicht erfüllen und ihn schon gar nicht vom Thron stoßen konnte.

Selbst das ersehnte Kind blieb nur eine immer wieder strapazierte Schimäre, die sich das Paar um die Ohren schlägt. Und trotzdem liebt Martha ihren George, denn er ist der Einzige, der ihr vulkanisches Temperament immer wieder herausfordert, für Spannung sorgt. Im sichtbaren Leben hat er nichts vorangebracht, außer der Aufzeichnung seines sonderbaren Elternmordes, der vielleicht auch erstunken und erlogen ist, aber Marthas Seele beherrscht er. Das macht sie wütend, beglückt sie aber auch.

George hat die Hosen an

Dominik Warta, hager, schlaksig, meist von unergründlicher Gelassenheit, ist der heimliche Regisseur der grausamen Erwachsenenspiele, die hier von einer Eskalation zur nächsten treiben. Während Martha ständig spontan aus allen Rohren und in alle Richtungen feuert, versucht er sich nach Möglichkeiten nicht aus der Reserve locken zu lassen – was nicht immer gelingt –, fahndet nach Schwachstellen und richtet dann einen gezielten Laserstrahl auf sie.

Mitunter fällt ihm im Wirbel der Auseinandersetzung die bemüht brave junge Ehefrau Putzi (großartig in ihrer wachsenden Selbstauflösung: Carolin Eichhorst) in die Arme, doch George lässt sich nicht ablenken. Er hat genug mit Martha zu tun. Sollte er sich je von ihr trennen, wird er vermutlich ein Einsiedler werden. Ein weiterer herrlicher Typ ist der blond gelockte Julian Greis als Putzis Mann Nick, den Martha und George Krümel für Krümel in der sprichwörtlichen Pfeife rauchen, was er mit sich geschehen lässt, weil er Karriere machen will – bis er am Ende feststellt, dass er beinahe zu Asche verbrannt worden ist in dieser entsetzlichen Nacht. Aber Sportsgeist Nick wird sich erholen, wie es mit den anderen weitergeht, vermag man sich kaum vorzustellen. Albee jedenfalls hat in Graz einmal mehr seine Klassiker-Qualitäten bewiesen.

LONGSELLER EDWARD ALBEE

Seine Adoptiveltern waren Theater-besitzer. Edward Albee (80) studierte Mathematik, bevor er sich der Bühne zuwandte. Heute lebt er in New York.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“wurde 1962 am Broadway uraufgeführt. Die berühmteste Version ist der Film mit Liz Taylor und Richard Burton (1966). Das Burgtheater zeigt das Stück mit Christiane von Poelnitz und Joachim Meyerhoff am 13., 29. 1., am 11. 2. und 1. 3. (? 51444/4140). Die nächsten Vorstellungen in Graz sind am 13., 23. und 31. 1. (? 0316/8000).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2009)

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