Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Atheisten-Werbung auf Bussen: "Es gibt wohl keinen Gott"

Professor Richard Dawkins
(c) AP (AKIRA SUEMORI)
  • Drucken

Britische und spanische Atheisten werben im Nahverkehr für ein Leben ohne Glauben. Die anglikanische Kirche schweigt, Spaniens Katholiken gehen zum Gegenangriff über.

London/Madrid. Wer einmal in London auf einen Bus gewartet hat, wird unvermeidlich an der Existenz Gottes gezweifelt haben. Die Unberechenbarkeit des Verkehrs in der Hauptstadt lässt wohl selbst gefestigte Gläubige am Werk des Schöpfers (ver-)zweifeln. Umso passender erscheint es da, dass nun in London 800 Busse mit der Aufschrift unterwegs sind: „Es gibt vermutlich keinen Gott. Höre auf, dir Sorgen zu machen, und genieße dein Leben.“

Die Kampagne, angeregt von der Komödiantin Ariane Sherine, ist eine Reaktion auf eine Aktion evangelischer Christen in Nordirland, die im Vorjahr Nichtgläubigen via Buswerbungen den direkten Marsch in die Hölle verheißen hat. Sherines Initiative fand breite Unterstützung, statt der geplanten 5000 wurden bereits 135.000 Pfund aufgetrieben. Damit lassen sich auch mehr als 1000 Werbeflächen in der Londoner U-Bahn und zwei Plasmaschirme am zentralen Oxford Circus anmieten, um die Botschaft der Atheisten in den nächsten Wochen zu verbreiten.

Die anglikanische Kirche, die nicht nur an Mitgliederschwund, sondern vor allem auch an fundamentalen internen Spaltungen leidet, reagierte mit souveränem Schweigen. Wenn die Mehrheit der Briten an eines glaubt, dann an das Recht auf freie Meinungsäußerung.

 

Wankende Bastion Spanien

Nicht nur finanziell war der Zuspruch für die Kampagne der Atheisten enorm, von der British Humanist Association bis zu Bestsellerautor Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) reicht die Liste der Unterstützer. „Ich hoffe, es gelingt uns, die Menschen aufzuheitern und zum Schmunzeln zu bringen“, sagte Sherine.

Und die Idee schwappte in Windeseile über den Ärmelkanal: Denn die Londoner Slogans prangen mittlerweile auch in großen rosa Buchstaben auf zwei City-Bussen in der nordspanischen Metropole Barcelona. Und das ist erst der Anfang, Spaniens „Atheisten und Freidenker“ wollen die Kampagne auch nach Madrid, Valencia und Sevilla tragen: „Wir schätzen, dass rund ein Viertel der Spanier Atheisten sind“, sagt Kampagnenchef Albert Riba, und es sei an der Zeit, diesen Umstand im öffentlichen Leben auch sichtbar zu machen.

Lange Zeit galt Spanien als eine der großen europäischen Bastionen der katholischen Kirche. Doch dies hat sich schleichend geändert. Nur noch ein Drittel der Spanier bezeugt die Nähe zu Gott per Kirchensteuer, nur jeder Zehnte geht regelmäßig zur Messe.

 

„Genießen mit Christus“

Entsprechend groß ist das Unbehagen über den neuerlichen Angriff auf ihre wankende Festung bei den Oberhirten: „Der Glaube ist kein Hindernis, das Leben zu genießen“, antwortet das Bistum Barcelona auf die provozierenden Slogans der Atheistenkampagne.

Eine kleine evangelische Christengemeinde in Madrid blies derweil auf eigene Faust zur Gegenattacke: Pastor Francisco Rubiales sammelte unter seinen Schäfchen Geld und schmückte ebenfalls einen Bus mit seiner Glaubenswerbung: „Gott existiert“, ist nun auf dem Gefährt zu lesen, „genieße das Leben mit Christus.“

In London werden derweil vier weitere Zitate plakatiert, unter anderem von Albert Einstein, Katharine Hepburn und der Dichterin Emily Dickinson, die sagte: „Dass es niemals wiederkehren wird, macht das Leben so süß.“ Was man von Londoner Bussen nur bedingt sagen kann...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2009)