„Diesseits des Lustprinzips“: Eine spaßige, aber nicht blöde Revueserie über Freuds Leben und Werk.
In der Porzellangasse 19, ganz nahe der Berggasse 19, hat man, motiviert durch Überlegungen über die Spanische Treppe in Freuds geliebtem Rom, ein Geheimzimmer Sigmund Freuds entdeckt. Dort fand sich unter anderem eine kleine Antikensammlung inklusive Plastikdinosaurier und Teletubbie sowie ein schlapper Hut, „das Geschenk eines stadtbekannten Neurotikers aus New York“. Aber keine Couch im strengen Sinn, denn: „Ich muss sie einer Illusion berauben. Am Anfang war nicht die Couch.“
Das ist das Setting des Zehnteilers „Diesseits des Lustprinzips“, und solcherart ist sein Witz. Nicht abgrundtief tiefsinnig, aber nicht peinlich seicht. Wenn wir mit Freud den Humor als Trost verstehen dürfen, den das Über-Ich dem Ich spendet, dann ist diese Revue ein Schulterklopfen, aber kein brutales. Spaßkultur im guten Sinn, nahe am Kabarett, wie sie im Wiener Rabenhof gepflegt wird. Warum nicht auch im Schauspielhaus?
Daniela Kranz, die letztes Jahr eine ähnliche Serie über Doderers „Strudlhofstiege“ gestaltet hatte, hat zehn Sitzungen vorgesehen, die, einbegleitet von einer Signation à la „Raumschiff Enterprise“, je 50 Minuten dauern, erstens weil eine Analysenstunde eben 50 Minuten hat, zweitens weil in der Kürze das Wesen des Witzes liegt.
Es hat im großen Haus mit „Kokain“ begonnen, auf der Nebenbühne folgen „Hysterie“, „Traum“, „Witz“, „Sex“, „Tabu“, „Es“, „Komplex“, „Penis“ und „Verdrängung“. Die Liste sagt's schon: Es geht halbwegs chronologisch – und mit viel Originalliteratur (z.B. aus der „Selbstdarstellung“) durch Freuds Leben und Werk – in der ersten Folge zunächst um seine (noch rein physiologische) Arbeit über die Keimdrüsen der Aale. Hat die Enttäuschung über das Nichtfinden der Fischhoden den späteren Entdecker des Kastrationskomplexes geprägt? Egal, ob diese Frage wirklich je von einem der vielen Interpreten Freuds formuliert wurde, er selbst hätte sie wohl witzig gefunden.
Die Verlesung von Passagen seiner „Brautbriefe“ gewiss weniger. In ihnen berichtete Freud seiner Verlobten Martha Bernays z.B. über die Wirkung des Kokains, das in ihm auch vor wissenschaftlichem Publikum einen beredten Fürsprecher fand. Versteht sich, dass dieser Diskurs auf der Bühne des Schauspielhauses in einer wilden Pulverschlacht mündete, ob mit Mehl oder Puder, das können die Besucher in den vorderen Reihen einer Analyse ihrer Kleidung entnehmen. Es warfen, scherzten und lasen Christian Dolezal, Veronika Glatzner, Johannes Zeiler sowie Marion Reiser, deren Gesicht man sich einfach merken muss.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2009)