Landestehater Linz: Ein Zauderer ohne Magie

(c) landestheater linz (Christian Brachwitz)
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Regisseur David Mouchtar-Samorai ist "Faust I" bis auf einen tollen Mephisto zu brav geraten. Der Hauptdarsteller wirkt leicht verschnupft, schwer verständlich und manchmal unfreiwillig komisch.

Dieser Mephistopheles (Vasilij Sotke) kommt gleich zur Sache. Während Faust (Georg Bonn) an seinem schwarzen Studiertisch auf der schwarzen Bühne vor ein paar Büchern eingeschlafen ist, erscheint der Teufel als Clown (Kostüme Urte Eicker), blickt gegen den Himmel und hat mit zwei, drei Sätzen die Wette mit dem lieben Gott um die Seele des strebsamen deutschen Gelehrten erklärt. Schon beginnt der große Frustrationsmonolog des ältlichen Herrn Doktor.

Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“, die am Samstag im Linzer Landestheater Premiere hatte, ist hier so klinisch reduziert wie das Bühnenbild von Heinz Hauser. Vier Öffnungen im schwarzen Set gibt es, auf die Seiten, nach hinten und oben. Nur die Beleuchtung dieser Guckkästen in Grau, Rot, Gelb oder Blau auf einem riesigen Laken und ein wenig Sphärenmusik (Ernst Bechert) verstärken die gerade vorherrschende Stimmung.

David Mouchtar-Samorai geht es bei seiner Inszenierung des „Faust“ flott an. Das Böse ist ein anarchischer Spaßmacher wie aus einem billigen Horrorfilm, das sich zuweilen hinter höfischer Maske versteckt und dann im Wechsel von Eleganz und Geziertheit sehr komisch sein kann. Sotke trägt den Abend. Er ist der Star, variiert diese dankbare Rolle souverän. Und das ist auch das Höllische an dieser durchwachsenen Vorstellung. Mit diesem Mephisto kann niemand auf der Bühne mithalten.

Poppige Hexentänze

Am stärksten ist das Ungleichgewicht bei den Massenszenen zu verspüren. Die poppigen Hexentänze und Discoauftritte des einfachen Volkes (Choreografie Andrea Heil) wirken peinlich, besonders in ihrer verhaltenen Laszivität, aber auch in der Burschenschafterparodie in Auerbachs Keller. Betrunkene zu spielen, ist eine hohe Kunst, die wenige beherrschen. Nur Wanda Worch, die auch als ein seltsamer Erdgeist wie eine halbnackte afrikanische Ife-Prinzessin erscheint, hebt sich positiv von den Nebendarstellern ab. Flankiert wird sie von weiß gekleideten indischen Tänzern, die im nächsten Augenblick wie Pfleger in einem Irrenhaus wirken. Was will uns der Regisseur mit diesen multikulturellen Einlagen sagen? Dass der „Faust“-Stoff universal ist? Oder dass der Faust nur weit gereist ist? Dass er ein Drogenabhängiger auf Entzug ist? Es erschließt sich nicht. Selbst der Auftritt einer Nebenfigur mit Schlapphut und Cape, als ob er als Dichterfürst eingekleidet wurde, bleibt ein Mysterium.

Die Titelrolle ist besonders schwer zu deuten: Ein schwacher Faust ist Bonn, der immer leicht verschnupft wirkt, schwer verständlich und manchmal unfreiwillig komisch. Seine Seelenqualen ähneln leichten Magenbeschwerden. So benimmt sich kein potenzieller Selbstmörder, kein dämonischer Forscher, der das innerste Wesen der Welt ergründen will. Faust soll das positive kritische Spiegelbild des zerstörerischen Mephistopheles sein, hier bleibt er harmlos.

Viel interessanter ist im direkten Vergleich Thomas Bammer als wissbegieriger, bigotter Famulus Wagner, mit angenehm verständlicher Stimme und auch mit Witz. Der Faust hingegen erscheint mit grauer Perücke verzopft, und auch mit langem, schwarzen Haar nach einer lustigen Verjüngungskur bleibt die Rolle blass. Überhaupt sind bei diesem didaktisch braven Konglomerat aus dem Handbuch der Sentenzen zu viele bloß als Stichwortgeber unterwegs.

Margarete weiß, was sie will

Kontraproduktiv wird in dieser Konstellation die an sich raffinierte Idee, die Rolle der braven Margarete von einer reifen jungen Frau spielen zu lassen. Bei Isabella Szendielorz ist das Zieren reine Show. Sie ist selbstbewusst, weiß, was sie will. Sie kommt jedenfalls rasch zur Sache. Im Zusammenspiel mit Katharina Hofmann als draller Marthe sowie im Finale im Kerker ergeben sich durchaus packende Szenen. Aber just die Begegnungen mit Faust sind ohne Magie. Hinderlich ist dabei auch die synchrone Darstellung: Mephisto und Marthe, Faust und Gretchen in seltsamen Parallelaktionen. Da ist zu wenig Spannung drin, das sind wie zufällig aneinandergereihte Bildchen. Gehemmt wirkt die Erotik. Das Paar zieht sich aus, lässt aber in der Umarmung die Unterwäsche an. Da hätte man den Sex lieber gleich bleiben lassen oder die Leidenschaft subtiler darstellen sollen.

Zu sehen ist also bei Linz09 alles in allem ein braver „Faust I“, bei dem nur gelegentlich aufblitzt, dass man aus dem Vollen schöpfen könnte. Mehr Vertrauen in den Text und etwas mehr Mut bei den Bildern hätte vielleicht geholfen. Wie sagt doch der Direktor im wunderbaren Vorspiel auf dem Theater, das Mouchtar-Samorai gleich ganz weggelassen hat? „Was hilft es viel, von Stimmung reden? / Dem Zaudernden erscheint sie nie. / Gebt ihr euch einmal für Poeten, so kommandiert die Poesie.“ Das Getränk im Linzer Landestheater hätte ruhig ein bisschen stärker sein können.

FAUSTOMANIA ÜBERALL

„Faust“-Vorstellungen in Linz: 12., 19., 24., 29. 1. (? 0732/76 11-400). „Faust“ in Wien:24./25. 1. Gastspiel des Berliner Deutschen Theaters in der Burg (Thalheimer!). Akademietheater „Doktor Faustus“ nach T. Mann: 21., 27. 1., 2. 2. Dieter Dorns Münchener Inszenierung kommt bald ins Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2009)

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