Der künstlerische Direktor Stéphane Lissner über sein Sparprogramm und die Abwendung des Streiks. Sponsoren können den Staat nicht ersetzen, sagt er – und: Das Kulturklima wird allenthalben frostiger.
Die Presse: Von der Scala erreichten uns zuletzt vor allem Meldungen von Krise, Streik. Im Dezember hätte beinahe die Saisoneröffnung nicht stattfinden können. Wie ist es Ihnen gelungen, die Belegschaft zu beruhigen?
Stéphane Lissner: Alle vier Jahre werden Unternehmensverträge abgeschlossen. Das sind sehr schwierige und komplexe Verhandlungen, die ungefähr vier bis sechs Monate dauern. Am 30. Juli wurde der Vertrag mit den drei großen Gewerkschaften geschlossen, am 1. Dezember jener mit der autonomen Gewerkschaft.
Das heißt, das Problem ist jetzt gelöst?
Lissner: Ja.
Aber was konkret haben Sie gemacht? Die Scala war doch seit Jahren in der Krise.
Lissner: Wir haben seit 2005 immer ausgeglichene Budgets, obwohl uns die italienische Regierung sechs Mio. Euro gestrichen hat. Ich habe die Ausgaben in den letzten drei Jahren um 13 Prozent gesenkt. Ich habe in verschiedenen Bereichen, die nicht direkt mit der Oper zu tun haben, rationalisiert, vor allem beim Museum, bei der Akademie, beim Bookshop und in der Abteilung für Kostüme und Kulissen...
Die Scala und das Orchester Santa Cecilia in Rom blieben als einzige von einem großen Sparprogramm der Regierung Berlusconi verschont. Es gibt heftige Proteste. Was passiert mit den Kulturinstitutionen in Italien?
Lissner: Das Klima wird auf der ganzen Welt schwieriger. Heuer wird sich das noch verschärfen. Die Krise hat ja noch gar nicht richtig begonnen. Es wird alle treffen, keiner wird verschont bleiben. Italien hat ein großes Kulturerbe, das finanziert und erhalten werden muss. Wenn eine Wirtschaftskrise kommt, sind dort die Schwierigkeiten größer als in anderen Ländern.
Was kann man dagegen tun?
Lissner: Wir müssen höchste musikalische Ansprüche stellen. Das ist das Wichtigste. Ich sehe Kultur als öffentliche Dienstleistung. Wenn der Deckungsgrad von Kulturinstitutionen immer höher wird und man immer mehr auf private Mittel, Sponsoren und die Einnahmen aus dem Kartenverkauf angewiesen ist, weil die staatlichen Subventionen schrumpfen, dann wird dasselbe passieren wie bei dieser jetzigen Wirtschaftskrise. Da sieht man doch, dass die Menschen unfähig sind, das Finanzsystem zu regeln. Bei der Kultur droht eine ähnliche Katastrophe. Die Frage ist, müssen wir es überhaupt so weit kommen lassen? Das würde dazu führen, dass es nur noch standardisierte Programme gibt: „Traviata“, „Nabucco“, „Carmen“. Es reicht auch nicht, immer teurere Karten aufzulegen, denn dann brechen Publikumsschichten weg, nur noch die Reichsten bleiben übrig. Das alte Europa ist nicht wie die USA! In Europa ist die Kultur der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft und mindestens ebenso wichtig wie die Forschung oder die Erziehung. Man kann über die Streiks in Italien lächeln, aber sie erinnern die Öffentlichkeit daran, dass es etwas kostet, ein hohes Niveau zu halten. Es gibt eine große Achtung vor der Vergangenheit, das hat auch etwas Positives.
Viele Leute mögen noch immer alte Inszenierungen lieber als moderne Oper.
Lissner: Es geht nicht darum, modern gegen klassisch auszuspielen. Man muss den Dirigenten und den Regisseur finden, und die müssen sich Gedanken machen, was der geeignete Ansatz für das jeweilige Werk ist. Schwarz-Weiß-Malerei erscheint mir lächerlich. Man kann einen Ferrari nicht so fahren wie einen Kleinwagen. Es gibt 80 bis 100 große Werke des Opernrepertoires und ebenso viele Ansätze und Konzepte, den Text der Musik und den Text des Librettos zu lesen. Die Scala hat eine besondere Situation mit ihrem riesigen Repertoire, Verdi, Donizetti, Bellini haben für die Scala komponiert. Das muss gepflegt werden. Da gibt es Stücke, die eine aktuellere, moderne Dramaturgie vertragen, während bei anderen eine moderne Sicht für die Wahrnehmung des Publikums nichts bringt.
Ihr Vertrag an der Scala läuft bis 2013. Was machen Sie nachher? Sie wurden und werden für viele Posten gehandelt. Interessiert Sie z. B. die Intendanz der Salzburger Festspiele?
Lissner: Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Es gibt unglaublich viele Angebote für die Zeit nach 2013.
Aus Italien oder Frankreich?
Lissner: Weder Italien noch Frankreich.
Weiter weg?
Lissner: Vielleicht.
ZUR PERSON: S. LISSNER
■Der gebürtige Pariser (55) arbeitete am Theater in Nizza. In seiner Heimatstadt leitete er das Théâtre du Châtelet. Lissner führte das Festival in Aix en Provence und war Kodirektor an Peter Brooks Pariser Bouffes du Nord. 2005 übernahm er die krisenhafte Mailänder Scala. Sein dortiger Vertrag läuft bis 2013. Außerdem ist Lissner Musikdirektor der Wiener Festwochen. An Persönlichkeiten, die ihn geprägt haben, nennt er u.a. Strehler, Grüber oder Pierre Boulez. [Clemens Fabry]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2009)