Börsen-Talente erkennt man an ihren Händen

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Börse(c) AP (Eugene Hoshiko)
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Die Physiologie der Hände verrät viel über das Verhalten von Menschen. So zeigt sich etwa, ob einer im schnellsten aller Geschäfte an der Börse gut ist.

Wenn man einem ein „goldenes Händchen“ zuspricht, dann meint man, dass ihm alles glückt. Man meint es metaphorisch, nie käme man auf die Idee, die Hände selbst mit Erfolg in Verbindung zu bringen. Zwar will man ihnen vieles ablesen, ihrer Form oder ihrem Griff – Wurstfinger vermitteln ein anderes Persönlichkeitsbild als Pianistenhände, ein schlaffer Händedruck signalisiert anderes als ein kräftiger –, aber das ist Küchenpsychologie. Und dass gar die Zukunft in den Händen steht, glauben allenfalls Handleserinnen und ihre Klienten.

Seit einiger Zeit kommen ganz ernsthafte Forscher vieler Fakultäten dazu, Physiologen, Hormonexperten, Entwicklungsbiologen. Ihnen ist zuerst aufgefallen, dass Hände von Männern und Frauen sich im Längenverhältnis von Zeige- und Ringfingern unterscheiden, im „2D:4D-Quotienten“ (das D kommt von „digit“ gleich Finger, gezählt wird vom Daumen her: 2D ist der Zeigefinger). Dieser Quotient ist bei Männern klein – der Zeigefinger ist kürzer als der Ringfinger –, bei Frauen ist es umgekehrt. Unterbrechen Sie im Zweifel kurz die Lektüre und schauen Sie nach!

Aber nicht nur Ausnahmen bestätigen die Regel, es gibt eine große Bandbreite auch innerhalb der Geschlechter, das war der zweite Fund, er weist schon enger auf Verhalten hin: Ein niedriger Quotient findet sich bei Kampfsportlern (beiderlei Geschlechts), im Fußball und Rugby, auch beim Skifahren. Also überall dort, wo es um guten Überblick, rasche Reaktion und hohe Risikobereitschaft geht.

Diese Eigenschaften zählen auch in den Arenen der Ökonomie, den Börsen. Ganz besonders zählen sie bei Spezialisten des „Hochfrequenz“-Handels, die nicht die längeren Trends im Auge haben, sondern extrem rasche Schwankungen. Dabei wird über enorme Beträge in kürzester Frist entschieden, oft folgt ein Verkauf einem Kauf nach wenigen Sekunden. Die Spezialisten dieses Handels sind fast alle Männer, 49 von ihnen, die auf dem Londoner Parkett tätig sind, haben Aldo Rustichini (Cambridge) ihre Hände vorgezeigt und ihre Bilanzen der letzten 20 Monate, zudem haben sie jeden Morgen Speichelproben abgeliefert: Die mit dem niedersten „2D:4D“ waren die erfolgreichsten. Alter spielt keine Rolle, Berufserfahrung schon, sie wiegt ungefähr so schwer wie die Fingerlänge (Pnas, 12. 1.)

Entscheidung fällt im Uterus

Besonders erfolgreich waren sie an Tagen, an denen sie viel Testosteron im Speichel hatten. Dieses Hormon steuert das Ganze, von klein auf: Schon im ersten Drittel der Schwangerschaft prägt der Testosteron-Gehalt im Uterus – über ein zentrales Entwicklungsgen: HOXA13 – die spätere Fingerlänge und das spätere Verhalten: Wer als Embryo viel Testosteron erhält, wird rasch und risikofreudig: erfolgreicher „Hochfrequenz“-Händler. Und weil er schon als Embryo auf das Testosteron mit der Bildung vieler Testosteron-Rezeptoren reagierte, ist er an Tagen, an denen er viel Testosteron hat, so gut.

Das heißt nicht, dass man ihn als Finanzberater möchte. Rustichini verweist darauf, dass Analysten, die mit längerer Sicht, mehr Ruhe und weniger Risiko entscheiden, „eher Hände mit weiblichem 2D:4D haben“.

("Die Presse", Printausgabe, 13.01.2009)

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