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Gazakonflikt radikalisiert Europa

(c) REUTERS (Amr Dalsh)
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Muslime in Österreich solidarisieren sich wegen Militäraktion gegen Palästinenser zunehmend mit Hamas. Jerusalem klagt über wachsenden Antisemitismus, jüdische Einrichtungen werden geschändet.

WIEN.„Israel ist die eigentliche Bestie“, und die Hamas „leistet für uns alle Widerstand“. Diese Aussagen des Wiener Imam Adnan Ibrahim zum Konflikt in Gaza erhitzen die Gemüter. Abgesehen davon, dass der Prediger der Schura-Moschee in der Leopoldstadt zu den bekanntesten Vertretern des Islam in Österreich gehört – ganz allein ist er mit dieser Meinung nicht. Tatsächlich zeigten die Muslime mit Beginn der israelischen Angriffe eindeutig, wem ihre Sympathien gehören – und wem nicht.

85 Vereine hatten sich Anfang Jänner zur Plattform „Stoppt das Massaker in Gaza“ zusammengeschlossen, darunter Sunniten, Schiiten und Türken, die innerhalb der Community selten geschlossen auftreten. Als „Kriegsverbrecher“ und „Kindermörder“ bezeichnete man die Israelis bei einer Demo in Wien, bei der rund 5500 Menschen aufmarschierten. Selbst besonnene Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) ließen mit harten Aussagen aufhorchen.

 

Existenzrecht als Trumpfkarte

So bezeichnete IGGiÖ-Präsident Anas Schakfeh die Nichtanerkennung Israels durch die Hamas als „Trumpfkarte“ im Nahostkonflikt. Eine Aussage, die in der Israelitischen Kultusgemeinde für Verwunderung sorgte. Von der Einigkeit, die beide Seiten in friedlicheren Zeiten demonstrierten, keine Spur.

Im Gegenteil: Selbst antisemitische Denunziation taucht in der Bevölkerung wieder auf, wenn auch in neuer Form: So kursierte jüngst in Österreich und Deutschland eine Nachricht per SMS und E-Mail, dass die Diskonter Hofer (bzw. Aldi) und Lidl Israel unterstützen würden und daher boykottiert werden sollten. Eine Ente, die tausendfach weiterverbreitet wurde – und nur allzu gerne geglaubt.

In der IGGiÖ ist man nun vor allem darum bemüht, den Vorwurf des Antisemitismus von sich zu weisen und die politische Seite hervorzustreichen: „Das ist hundertprozentig nichts Religiöses“, sagt Integrationsbeauftragter Omar Al-Rawi, „wäre die Besatzermacht Israel kein jüdischer Staat, würde es den Konflikt genauso geben“. Dass der Krieg in Gaza zu einer Radikalisierung der Muslime in Österreich führt, will er aber gar nicht bestreiten – „aber nur im politischen Sinn“, betont er.

 

Suspendierung gefordert

In der Politik ist man von dieser Argumentation nicht restlos überzeugt. So forderten FPÖ und Grüne die Suspendierung Adnan Ibrahims, der schon einmal wegen eines angeblichen Aufrufs zum Dschihad – die Staatsanwalt stellte die Ermittlungen ein – unter Kritik stand, durch die Glaubensgemeinschaft (was diese rechtlich gar nicht kann). Die ÖVP verlangt zumindest ein Einwirken auf Ibrahim, sich zu mäßigen.

Umgekehrt wirbt Al-Rawi um Verständnis für den Imam: „Seine Eltern und Geschwister leben in Gaza unter täglichem Beschuss, seine Schwägerin ist wegen der schlechten medizinischen Versorgung gestorben. Dass ein Mensch in einer solchen Situation wenig Sympathien für Israel hat, kann ich verstehen.“

Am Mittwoch, den 14. Jänner können Sie von 12 bis 13 Uhr mit Dan Ashbel, dem israelischen Botschafter in Wien, zum Thema Nahost-Krise diskutieren. Ab Mittwochvormittag können Sie Ihre Fragen unter diepresse.com/chat deponieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2009)