Nach den Querelen um Jürgen Flimm muss bis Juni ein neuer Intendant gefunden werden. Die Ausschreibung läuft aber nur bis 28. Februar. So viel Zeitnot war noch nie.
Nur fünf Minuten soll die Einigung gedauert haben. Das Kuratorium der Salzburger Festspiele machte am Dienstag reinen Tisch nach den peinlichen Querelen der jüngsten Zeit. Intendant Jürgen Flimm wartet mit seinem Berliner Abschluss - er soll die dortige Lindenoper übernehmen -, bis die Festspiele einen neuen Chef gefunden haben. Das soll bis Ende Juni der Fall sein. Die Ausschreibung läuft aber nur bis 28. Februar. Durch die Zeitnot wachsen die Chancen für den Konzert-Chef der Festspiele, Markus Hinterhäuser, der nicht nur viel Lob für sein Programm erntete, sondern auch das Festival gut kennt.
Quer dazu steht freilich die vielfach geäußerte Vermutung, Kulturministerin Claudia Schmied trachte danach wie schon bei früheren Personalentscheidungen (Staatsoper, KHM), wieder eine Überraschung anzupeilen. Sie könnte vor allem einer Frau den Vorzug geben; praktischerweise führt die von Schmied ins Kuratorium der Festspiele berufene ehemalige ÖBB-Nahverkehrs-Chefin, Wilhelmine Goldmann, heuer den Vorsitz im Festspiel-Aufsichtsgremium.
Nun formieren sich die Königsmacher
Diesem soll eine fünfköpfige Findungskommission einen Dreiervorschlag unterbreiten. Unter den „Findern" sind alte Bekannte wie Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg und Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer. Ferner in der Kommission: Galerist Thaddäus Ropac, die designierte künstlerische Leiterin der Bayreuther Festspiele, Eva Wagner-Pasquier, sowie Brigitte Fassbaender, Intendantin des Tiroler Landestheaters (Vorsitz).
Im Kuratorium sind neben Goldmann derzeit der ehemalige Finanzdirektor des ORF, Peter Radel, Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (S), Landeshauptmannstellvertreter Wilfried Haslauer (V) und Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden (S). Er brachte die Kontroverse mit Flimm ins Rollen, nachdem kurz vor Weihnachten bekannt wurde, dass Flimm - wohl verärgert, weil sein Salzburger Vertrag nicht wunschgemäß verlängert worden war - die Berliner Lindenoper übernehmen wird.
Dort schied nach heftigem Krach mit Chefdirigent Daniel Barenboim der Regisseur und künstlerische Leiter Peter Mussbach aus. Berlins Bürgermeister Wowereit gab die Ernennung Flimms bekannt, der meinte, er sei mit seiner Arbeit in Salzburg so weit fertig, dass er bald nach Berlin wechseln könne. Nachsatz: „Was soll ich hier in Salzburg noch rumsitzen?" Das sorgte für schwere Verstimmung an der Salzach.
Bürgermeister Schaden drohte Flimm gar mit rechtlichen Schritten. Inzwischen scheinen sich alle beruhigt zu haben oder tun zumindest so. Flimm hofft wohl, dass die Festspiele rasch einen Intendanten finden, um mit Berlin abschließen zu können. Dasselbe möchten die Festival-Verantwortlichen, auf dass bald Gras über Flimms abfällige Äußerungen in deutschen Zeitungen wachse, denen zufolge sich die Salzburger Festspiele „mehr und mehr kommerzialisieren". Kommerziell darf man ein Festival mit einer Eigendeckung von über 70 Prozent ohnehin nennen. Auch wenn seine Führung nach jahrelang eingefrorenen Subventionen intensiv versucht, mehr Geld von öffentlichen Stellen zu bekommen.
Simon Rattle, Daniel Barenboim?
Hinter den Kulissen formieren sich nun, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, die Königsmacher. Wer welcher Partei wird wem den Vorzug geben? Grundfrage bleibt: Braucht ein Sommerfestival, wie edel und teuer es auch immer sei, überhaupt einen Vollzeitintendanten? Hat nicht der „Sündenfall" mit Gerard Mortier begonnen, als der für die Planung von fünf Opernpremieren eine Gage wie der Staatsoperndirektor forderte? Und das, obwohl es Bereichsleiter für Konzert und Sprechtheater gab und gibt? Braucht Salzburg nicht eher eine Künstlerpersönlichkeit mit internationaler Strahlkraft, wie es einst Herbert von Karajan war? Schon werden Namen genannt: Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und Salzburgs Osterfestspiel-Chef, sei im Tandem mit Pamela Rosenberg, Intendantin der Berliner Philharmoniker, Wunschkandidat der Landeshauptfrau, heißt es. Dem steht die mangelnde Opernerfahrung Rattles entgegen.
Anders bei Barenboim, der Flimm nun in Berlin Asyl gewährt hat. Die Chance, dass man in Salzburg diesmal eine starke Persönlichkeit - der man künstlerisch freie Hand lassen müsste - ans Ruder lässt, sehen Insider allerdings kaum: Wie zuletzt immer wird man vermutlich eine Kompromisslösung bevorzugen, die einer Vertragsverlängerung von Präsidentin Helga Rabl-Stadler und Geschäftsführer Gerbert Schwaighofer (derzeit bis 2011) nichts in den Weg legen wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2009)