Josef Winkler: „Die Seife Krenn, die Salbe Schönborn“

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„Jesus, du Schwein!“, sagte der 14-jährige Josef Winkler abends im Bett. Seither hat den Schriftsteller das Thema Blasphemie nie ganz verlassen. Ein Gespräch über Kardinäle, Messwein, Ängste und den Katechismus.

Wenn einen die katholische Kirche ins Herz getroffen hat, wird man das nie mehr los“, sagt Josef Winkler, und dabei schaut er ernst und fast verwundet drein.

Dass er ein überlegter Mensch ist, erkennt man sogar an der Wahl des richtigen Platzes im Café Bräunerhof. Nach einigem Zögern entscheidet sich Winkler für einen Ecksitz am Fenster direkt am Eingang, von dem aus man alles beobachten kann, ohne viel gestört zu werden. Lächelnd verschenkt er eine ganz neue Hörkassette von „Roppongi“. Dieses Gedenkbuch an den Vater war vielleicht ausschlaggebend dafür, dass Winkler 2008 nach dem Österreichischen Staatspreis für Literatur auch den Büchnerpreis bekam. Die Ehrungen freuen ihn, sagt er auch ganz ungeziert.

Am Sonntag wird er Stargast bei einem Symposium des Elfriede-Jelinek-Forschungszentrums über „Ritual. Macht. Blasphemie“ (siehe unten) sein. „Ich werde halt aus meinen Büchern blasphemische Passagen vorlesen,“ sagt Winkler. An Textstellen wird es wohl nicht mangeln, seit seiner vor 30 Jahren entstandenen Trilogie „Das wilde Kärnten“, Winklers Romane sind geradezu eine Abrechnung mit Patriarchat und Bigotterie. „Ich erwarte mir, dass es mir gelingt, mit meinen Texten das Publikum zu bewegen und zum Nachdenken zu zwingen.“

Wie aber hält er es heute persönlich mit der Religion? In einem jüngst im „Spectrum“ erschienenen Text ist die Schlusspointe der Austritt aus der katholischen Kirche und der Eintritt in den indischen Vielgott-Glauben. Wieder lächelt der Autor. Er sei nie ausgetreten: „Das ist eine Satire, nicht real. Aber ich muss schon sagen, die Bischöfe Krenn und Groër waren mir lieber als Schönborn, weil sie die Kirche bildhaft vertreten haben. Dem Kardinal bin ich unlängst in der Stadt begegnet, er hat nach links und rechts geschaut, wie ein geiler Rauchfangkehrer ist er mir vorgekommen. Die Seife Krenn und die Salbe Schönborn.“

Was ist für Winkler also Blasphemie? „In der Literatur kommt sie durch Angst und Fantasie zustande, sie ist ein Los- und Freischreiben. Es kommt zu Bruchstellen, wenn kindliche Gläubigkeit in Aggression kippt. Blasphemie muss in meinen Büchern nichts mit der katholischen Kirche zu tun haben, sondern ist meine ganz persönliche Erfahrung. So wie Indien-Bücher Bücher über mich in Indien sind, alles ist autobiografisch, wie bei Claude Simon.“ Manchmal schrecke er sich über die Tiefenwirkung des Katholischen bei sich, dabei sei er weder religiös noch national fanatisiert aufgewachsen. „Ich habe einmal über eine Einäscherung am Ganges geschrieben und erst im Nachhinein bemerkt, dass diese Passage ganz im katholischen Klang geschrieben ist.“ Vielleicht hat er auch bei seinen langen Aufenthalten in Rom nach den Motiven der Vergangenheit gesucht. „Nach dem Wilden Kärnten bin ich dorthin gegangen.“ Ihn interessiere die Theologie nicht. „Nur der Muff in den Sakristeien interessiert mich.“

„Das ist mein Erzministrant“

Nun ist es auch Zeit, zuzugeben, dass er schöne Momente in der Kirche erlebt hat, ein Weihnachtsfest in einer winzigen Kirche etwa. „Als Bauernkind habe ich einen Ersatzvater gesucht, weil ich mich vom eigenen Vater abgelehnt fühlte. Ich habe den Herrn Pfarrer und die Köchin frühmorgens beobachtet, wie sie in die Kirche gingen. Bloßfüßig bin ich ihnen im Schnee nachgegangen. Am nächsten Tag war ich sein Ministrant. Bald war ich in einer gehobenen Stellung.“ Der Pfarrer sagte: „Das ist mein Erzministrant.“ Gab es auch Ängste in der gehobenen Stellung? „Der Pfarrer hat sich den Messwein immer auf einer Platte aufgewärmt. Einmal ist das Glas geplatzt. Was für ein Schrecken! Die Angst war schon schlimm. Uns wurde gesagt, dass alles was wir tun, denken, fühlen, von einem Engel aufgeschrieben werde. Das war ein großes Drama für ein Kind mit Angst-Fantasien.“

„Ich lag dann winselnd im Bett“

Irgendwann aber kam der kindliche Glaube abhanden. „Ich bin immer auch hinter die Altäre gegangen. Dabei habe ich gesehen, dass die Heiligenfiguren hinten ausgehöhlt waren. Wie sollte so ein Engel ohne Herz und Hirn Buch führen?, dachte ich mir. Von da an war das Ganze für mich ein Kasperltheater.“ Mit 14 hatte er blasphemische Anfälle, lag abends im Bett und sagte wie eine Litanei: „Jesus, du Schwein!“ Mit schlechtem Gewissen. „Ich lag dann winselnd im Bett.“ Das Schmerzhafteste sei die jahrelange Angst gewesen. „Unser Katechismus war sehr schön ausgemalt mit den Bildern der Hölle und der Qualen.“

Literarische Ketzer waren frühe Verbündete. Der Ire James Joyce etwa, dessen Werk ein großes „non serviam“ enthält. „Mit 17 habe ich als Handelsschüler im Omnibus Anna Livia Plurabelle gelesen, mit Freuden die blasphemischen Passagen in seinem Ulysses, auch jene im Werk von Jean Genet.“ Prägend waren zudem die Filme von Luis Buñuel. „Das hat mich fasziniert. Wenn zum Beispiel in Der andalusische Hund ein Taxi hält und eine Monstranz an den Straßenrand gestellt wird. Das trifft.“ Und was macht das schlechte Gewissen? „Es wird bei mir immer besser, ich mache nicht mehr die großen Dramen draus, aber 40 Jahre lang habe ich unter schlechtem Gewissen gelitten. Im Extrem hätte das ein äußerer Grund für den Selbstmord sein können.

Die Blasphemie werde einem hierzulande aber leicht gemacht, gibt Winkler zu: „Wir können mit der Monstranz herumfuchteln, wie wir wollen. Mit Mohammed hätte ich das nicht machen können.“ Und wie ist es mit dem Lästern, wenn es zu Ende geht? Winkler zitiert Italo Svevo. „Der Tod ist gar nichts. Kinder schaut, wie man stirbt“, habe der italienische Schriftsteller gesagt, nachdem er die Familie um sich versammelt hatte. Ein Stück im Schauspielhaus wolle er dazu machen, deutet Winkler an.

Ist es schwer, nach Ehrungen wie dem Büchnerpreis weiterzuschreiben? „Seit dem Herbst habe ich fast gar nichts geschrieben. Ich bin in einer Aufwärmphase. Beim Schreiben versuche ich immer, eine bestimmte Qualität zu erreichen. Das ist wie beim Stabhochspringen.“

ZUR PERSON

Josef Winkler, geboren 1953 in Kamering bei Paterion in Oberkärnten, wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Nach Volks- und Handelsschule arbeitete er im Büro der Oberkärntner Molkerei, besuchte nebenher die Abendhandelsakademie. 1979 erschien sein erster Roman „Menschenkind“, Teil der Trilogie „Das wilde Kärnten“. In seinen Werken wie „Friedhof der bitteren Orangen“ spielen Tod und Homosexualität eine wichtige Rolle. 2007 Großer Österreichischer Staatspreis, 2008 Büchner-Preis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2009)

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