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Autismus: Embryos screenen, abtreiben?

Embryo
(c) EPA (National Geographic Channel)
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Neue Befunde sorgen in Großbritannien für eine Debatte. Man könnte einen Routinetest entwickeln – und Föten mit Risiko abtreiben

Autismus, die partielle bis völlige Unfähigkeit zu sozialem Kontakt, die oft von repetitiven Körperbewegungen begleitet wird, ist eine Entwicklungsstörung, deren Ursachen ungeklärt sind. Das Leiden befällt etwa sechs von tausend Menschen, es kommt stark geschlechtsspezifisch vor, trifft vier Mal so viele Männer wie Frauen. Das brachte den Psychologen Simon Baron-Cohen (Cambridge) auf die Idee, Autismus könne eine Übersteigerung der (männlichen) Eigenschaften des Systematisierens und Kontrollierens bzw. eine mangelnde Ausprägung der (weiblichen) Eigenschaft des Sich-Einfühlens sein. Entstehen könne das im Uterus, durch das Hormon Testosteron.

Deshalb hat Baron-Cohen neun Jahre lang die Entwicklung von Kindern verfolgt, die im Uterus hohen Testosteron-Gehalten ausgesetzt waren. Diese Kinder wurden keine Autisten, zeigen aber viele autistische Eigenheiten, geringen Augenkontakt mit anderen etwa und großes Interesse für Details von Objekten (British Journal of Psychology, 100, S.1).

Baron-Cohen sieht damit seine Hypothese bestätigt und dachte gegenüber dem Guardian über die Folgen nach: Das Testosteron kann man im Fruchtwasser messen, man könnte einen Routinetest entwickeln – und Föten mit Risiko abtreiben. „Wäre das wünschenswert?“, fragt Baron-Cohen: „Was würden wir verlieren, wenn Kinder mit Autismus aus der Population eliminiert wären? Wir sollten beginnen, darüber zu debattieren. Es gibt einen Test auf das Down-Syndrom, aber bei Autismus ist die Lage ganz anders. Er ist oft mit Talenten verbunden.“

Oder, ebenso kontrovers, sollte man über eine Therapie im Uterus – durch Testosteron-Senkung – nachdenken? jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2009)