Händl Klaus über seinen Film, über Freitod und Trauer, Alltag und Musik, Ernst und Ironie.
Die Sache hat ihn aufgewühlt. Vor mehr als 15 Jahren nahmen sich drei junge Männer in Südtirol gemeinsam das Leben. „Solch ein Tod bestürzt dermaßen, dass man da selber immer außen vor bleibt. Ich konnte damit nicht umgehen“, sagt der Tiroler Händl Klaus zu dem Fall, den er künstlerisch in „März“ verarbeitet hat. „Ich wollte einen Text schreiben, dann ein Libretto. Dann merkte ich, dass ich erst die Gesichter für diese Geschichte brauche. Dann wusste ich, es ist der Blick. Der Kamerablick nimmt Räume auf und stellt auch Nähe her. Es wurde also ein Drehbuch daraus.“
Ein ausgezeichnetes. Der Schauspieler, Dichter und Regisseur Händl Klaus hat nicht nur das Buch geschrieben, sondern auch den Film dazu gedreht, der im Herbst 2008 mit dem Silbernen Leoparden („Best first feature“) und auch noch mit dem Spezialpreis der Jury in Sarajewo prämiert wurde.
Der Weg dazu war umständlich, er reicht zurück bis 2001. „Ich habe damals für den ,steirischen herbst‘ ein Stück geschrieben, Ich ersehne die Alpen. Damals war Alexandra Rollett eine fantastische Regieassistentin. Ich habe sie gefragt, ob sie auch bei März mitarbeiten wolle. Wir haben beide zuvor noch nie so etwas gemacht. Ich hatte Anfängerglück an allen Ecken und Enden. Ohne mein Team wäre gar nichts gegangen.“
Mit einer Mischung aus versierten Schauspielern wie seiner Lehrerin Julia Gschnitzer und einigen Laiendarstellern wurde in Tirol gedreht. „Wir machten das von Oktober 2005 bis August 2006, an vielen Orten im Mittelgebirge. Das Schreiben machte mir Freude, das Drehen war dann sogar beglückend: Wir waren ein leidenschaftliches Team.“
Beglückende Momente bei der Bewältigung von Selbstmorden? Händl: „Ich habe viel aus meinem eigenen Leben genommen, all die Verluste, die man mit der Zeit erleidet. In meinem Freundeskreis gab es Suizide. Ich kannte früh das Gefühl, übrig zu bleiben. Aber es geht nicht nur darum. Die Öffnung zur Stadt hin (Innsbruck mit seiner Universität) könnte ein Lichtblick sein. Es gibt die Möglichkeit, den Ort zu verlassen, dass es woanders weitergeht.“ Für ihn sei nur eine Art Freitod zu akzeptieren: „Wenn man aus schwerem Leid, aus Krankheit nicht mehr anders kann; aber inakzeptabel ist es aus einer Laune heraus. Es kann allerdings ein Tunnelblick einsetzen, wo dich nichts mehr erreicht. Es haben sich Freunde das Leben genommen, von denen ich das nie gedacht hätte.“
Der Film ist sparsam im Ton: „Ich hasse Filmmusik, bis auf wenige Ausnahmen, wie Alfred Hitchcocks Vertigo. Wir haben viel mit Störgeräuschen gearbeitet, viel mehr noch als bei einem Hörspiel. Das wurde richtig komponiert. Ich liebe das Rhythmisieren des Films. Hjalti Bager-Jonathansson hat monatelang Töne gesammelt, das war für uns ein riesiges Reservoir.“ Das Rohe des anfänglichen Schmerzes wollte er nicht zeigen. „Der Film setzt drei Monate nach den Selbstmorden ein. Wenn wieder der Alltag beginnt. Die Trauer zeigt sich an ganz unschuldigen Dingen wie einer Geburtstagstorte, die einer der Verstorbenen immer gerne gegessen hat, wie sich seine Mutter dann beim Backen erinnert.“
Was ist also künftig wichtiger, das Schreiben oder das Drehen? „Ich bin nicht wirklich viel im stillen Kämmerlein. Die Prosa schreibe ich schon zuallererst nur für mich. Aber Teamwork und Einsamkeit ergänzen sich bei meiner Arbeit. Beim Schreiben von Stücken weiß ich, dass es sich um Material handelt, das zu sich kommen muss. Letztlich gebe ich sie dann in die Hände von jemandem. Das Stück kommt erst in der Inszenierung zu sich, und zwar Abend für Abend.“ Jeder Stoff habe auch seine optimale Form. „Einige schreien nach Musik, deshalb habe ich gerade ein Oratorium für die Klangspuren Schwaz geschrieben, über eine Legende der Kartäuser.“
Uraufführung im Burgtheater-Kasino
Auch in Wien spielt demnächst die Musik eine tragende Rolle, in einer Zusammenarbeit mit Ruedi Häusermann. Im Kasino des Burgtheaters wird am 30.Jänner (20Uhr) „Die Glocken von Innsbruck läuten den Sonntag ein“ uraufgeführt. „Das ist Ruedis Erfindung. Es gibt 20 Stücke für vier wohltemperierte Einhandklaviere. Es setzt sich aus eigenwilligen Bestandteilen zusammen, die korrespondieren.“
Kommt jetzt nach einem schweren Stoff eine leichtere Phase, eine Komödie? Ein Film? „Die Glocken sind eine ganz eigene Welt mit feiner Ironie. Diese Welt braucht die Zuwendung des Publikums und wirft sich ihm gewiss nicht an den Hals. Sie ist ganz gewiss mit Liebe geschaffen.“
Ohne Zynismus? „Natürlich. Wir nehmen das ganz ernst. Das heißt aber nicht, dass wir schlicht sind. Ich selber habe ein Bewusstsein für den doppelten Boden. Ich arbeite mit Ambiguitäten. Die hebeln sofort jeden heiligen Ernst aus. Und einen Film würde ich mit dem Team von März auf jeden Fall wieder machen wollen.“
Neuer Text von Händl Klaus: Spectrum, Seite VI
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2009)