Für einen Mann mit Spritzenangst...
Für einen Mann mit Spritzenangst, der schon bei der bloßen Erwähnung des Wortes Blutplasma blass wird, dessen alte Studienfreunde in Briefen bereits weniger über schulische Fortschritte der Kinder, stattdessen über traurige Gespräche mit dem Internisten ihres Misstrauens schreiben, hätte die Woche nicht schlimmer kommen können. Ich meine nicht den kleinen Eingriff, den ich gestern über mich nur ergehen ließ, nachdem mir Schwester, Lokalanästhesistin und Chirurgin feierlich versprochen hatten, dass sie mir während der ganzen Prozedur das Händchen halten werden.
Ich meine den Gesundheitszustand meines Computer-Gurus Steve Jobs. Als diese Woche bekannt wurde, dass er aus Krankheitsgründen für Monate ausfallen werde, brachen die Aktienkurse von Apple ein. Immer trifft es die Falschen, denke ich mir und suche hektisch nach der Telefonseelsorge für hypochondrische Apple-User. Jobs elegante Computer sind der einzige Grund, warum ich PC-Mühlen überhaupt akzeptiere, diesen Google-Überwachungsstaat in schlampig programmierten Windows-Welten.
Geht's der Wirtschaft schlecht, geht es uns allen schlecht, sagen larmoyante Globalisierer, die ich bisher geflissentlich überhört habe. Geht es Jobs schlecht, mache ich mir aber wirklich Sorgen. Und werde plötzlich von Hegel'scher Weltgeist-Theorie erfasst. Ich habe eine schlüssige Erklärung für die elende Krise, von der seit Monaten alle reden. Sie rührt von der unglücklichen Koinzidenz, dass ein Dutzend der innovativsten Geister, die bisher das Wohl des Wohlstands ermöglichten, auf Karenz sind. Man muss sie nur noch finden und dazu überreden, weiter zu basteln an einer schönen neuen Welt.
Die Alternative möchte ich mir gar nicht vorstellen. So viele Händchen haltende Schwestern gäbe es gar nicht, so viel Anästhesie hielte kein Mensch aus. Die Verschwörungstheorie: Wir alle, die an Infusionsangst leiden, werden von krankhaften Spekulanten angeführt, die die Jobs dieser Welt vernichten wollen. Daran möchte ich nicht einmal glauben, falls George Bush nächste Woche noch einmal als Präsident angelobt würde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2009)