Georg Friedrich Händels künstlerischer Weg, zum 250. Todestag wissenschaftlich aufgearbeitet, aber auch gut lesbar und anschaulich.
Nicht eine Biografie, ein Werkverzeichnis oder ein analytisches Grundlagenwerk, ein vielbändiges „Händel-Handbuch“ präsentiert der Laaber Verlag zum Gedenken an den 250. Todestag des Meisters aus Halle. Das Leben des stets in einem Atemzug mit Bach genannten, führenden Komponisten des deutschen Spätbarock ist bis dato kaum genügend durchleuchtet worden. Kommt man doch schon beim Vokabel „deutsch“ ins Stocken. War dieser George Frederick Handel nicht williger Repräsentant der englischen Musik? Die Antwort fällt schwer. Die Nachwelt hat dem Komponisten diverse Kränze geflochten, stets voll der Verehrung.
Er selbst hat wenig hinterlassen, was einem Biografen Stoff für hieb- und stichfeste Behauptungen geben würde. Deshalb ist der Ansatz, ein Händel-Handbuch herauszubringen, das alle beweisbaren Fakten so umfassend wie möglich darstellt, besonders löblich. Rund um Händel ist das Terrain trefflich sondiert. Und die Musikwissenschaft hat ganze Arbeit geleistet, um die Lebens- und Arbeitsumstände eines Genies in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts so präzis wie möglich fassbar zu machen.
Vom König bis zum Kastraten
Was im Zuge der Editions- und Aufführungspraxis der vergangenen drei, vier Jahrzehnte an Wissenswertem zu Händels dramatischem Schaffen gesammelt wurde, wird das dieser Tage erscheinende, zweiteilige Opern-Handbuch auf etwa 1000 Seiten akribisch auflisten. Das wird Teil II der editorischen Großtat sein, die vor wenigen Wochen mit der Herausgabe der „biographischen Enzyklopädie“ begann. Ebenfalls in zwei Bänden, auf 1125 Seiten, hat Herausgeber Hans Joachim Marx Händels künstlerischen Lebensraum abgesteckt. Daten zu sämtlichen Zeitgenossen, die in der Biografie des Meisters eine auch nur etwas mehr als marginale Rolle gespielt haben, finden sich in alphabetischer Reihenfolge.
Auch amüsante Details, die den Nachgeborenen bis dato lediglich in anekdotischer Form überliefert wurden, stehen hier an der richtigen Stelle. Profund recherchiert, liest man über die Begleitumstände von Händels frühen musikalischen Versuchen, seine Heranbildung in der befruchtenden Atmosphäre des italienischen Barock und die Herausforderungen, die den Komponisten in England vom argwöhnisch beäugten Fremdling zum unangefochtenen „Orpheus britannicus II“ werden ließen, dem ersten bedeutenden Meister, den die britischen Inseln nach Purcell kannten. Die Daten sämtlicher „Sargnägel“ von Primadonnen und Kastraten, den Stars des damaligen Musiktheater-Business, inbegriffen.
Zu diesem Handbuch wird künftig jeder greifen, der rasch und konzis über die Fakten informiert sein will. Wer mehr und Tiefergehendes über die einzigartige Persönlichkeit Händels erfahren will, wird weiterhin auf Spekulationen und Fantasien angewiesen bleiben, die von dem vielen Stoff, der da nun übersichtlich geordnet vor uns liegt, kühn angefacht werden dürften.
Ein Romancier, der von seiner diesbezüglichen Freiheit schon Gebrauch gemacht hat, ist Karl-Heinz Ott. Er hat bei Hoffmann und Campe rechtzeitig vor Beginn des Händel-Hypes ein vergnügliches biografisches Buch herausgebracht, das selbst das philosophische Umfeld der Händelschen Geisteswelt auf leicht lesbare Weise absteckt und im Übrigen die Stellung des Komponisten auch ihrer Balance zu Bach oder den italienischen Vorbildern seit Carissimi abwägt. Das öffnet – auch weil Ott bildhaft-musikalische Sachverhalte zu beschreiben versteht – beim Lesen die Ohren für die Spezifika von Händels Musik und lässt die Nöte und Chancen des Genies in Zeiten absolutistischen Gepränges plastisch werden.
Oper, nichts als Oper
Dass Händel Zeit seines Lebens ein genuiner Dramatiker war, dass selbst seine Hinwendung zum biblischen Oratorium, dessen unerreichter Meister er ist und bleibt, nichts als camouflierte Opern-Leidenschaft bedeutet, analysiert Ott souverän.
Es ist schon so, oft verraten literarische Produkte mehr über künstlerische Wahrheiten als noch so diffizile wissenschaftliche Studien.
HÄNDEL: Neue Literatur
■Das Händel Handbuch. Hans Joachim Marx (Hrsg.): Händel und seine Zeitgenossen. Eine biographische Enzyklopädie. Laaber Verlag. Zwei Bände, zus. 1125 Seiten (= Händel Handbuch I. Zweiter Teil, Händels Opern, erscheint dieser Tage), 178 Euro.
■Karl Heinz Ott, Tumult und Grazie. Über Georg Friedrich Händel. Hoffmann und Campe, 322 Seiten, 22 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2009)