Lieber tot als bankrott

(c) AP (Thomas Kienzle)
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Ein direkter Zusammenhang zwischen Wirtschafts-Krise und Suizidrate konnten Wissenschaftler bislang nicht belegen. Dennoch scheiden Manager immer öfter freiwillig aus dem Leben.

Steven Good, Rene Thierry Magon de la Villehuchet, Christen Schnor, Kirk Stephenson, Alex Widmer, Adolf Merckle. Sie bauten Firmen und Imperien auf, leiteten sie und profitierten von der jahrelangen Bergfahrt der Aktienkurse. Heute aber haben sie alle eine traurige Tatsache gemein: Sie sind tot – freiwillig aus dem Leben geschieden.

Die Wirtschaftskrise schlage sich im Gemüt der Menschen nieder. Denn auch sie befinden sich nun in einer persönlichen Krise, erklärt Christian Haring. Er leitet die Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention und ist Primar am Psychiatrischen Krankenhaus in Hall in Tirol: „Viele Inhalte, die man in der Finanzbranche bisher für wahr gehalten hat, haben sich nicht bewahrheitet“, sagt Haring. Nachsatz: „Das konnten viele nicht verkraften.“

WHO warnt: Mehr Suizidfälle

Das eigentliche Problem: Je rascher sich Menschen auf Veränderungen einstellen müssen, desto anfälliger wird ihre Psyche. Bereits vergangenen Oktober warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die globale Finanzkrise zu vermehrten psychischen Problemen und zu einem Anstieg von Suizidfällen führen kann. Ob zwischen der Zunahme von Arbeitslosigkeit und Suizidraten ein ursächlicher Zusammenhang besteht, darüber sind sich Experten aber uneins. „Es gibt soziologische Theorien, die besagen, dass bei allen größeren gesellschaftlichen Veränderungen die Suizidrate steigt“, meint dazu Claudius Stein, Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien. Er hält allerdings nichts davon, einen direkten Zusammenhang zwischen Wirtschaftslage und Suizidrate herzustellen: „Niemand scheidet aus einem einzigen Grund freiwillig aus dem Leben. Da spielen immer mehrere Faktoren mit.“

Gäbe es einen Zusammenhang, würde dieser erst später schlagend. Nämlich dann, wenn die Auswirkungen einer Finanzkrise deutlich spürbar werden. Und die Daten? Die geben darüber nur bedingt Aufschluss. Konkretes gibt es aber für das Jahr 1932: Zu diesem Zeitpunkt, also drei Jahre nach der großen Weltwirtschaftskrise von 1929, stieg die Selbstmordrate in den USA auf den höchsten Stand aller Zeiten: Untersuchungen zufolge wählten damals 17 von 100.000 Menschen den Freitod. „Auch in Österreich war die Suizidrate mit etwa 2800 Fällen damals so hoch, wie seitdem nicht mehr“, erklärt Soziologe Carlos Watzka, der im vergangenen Jahr ein Buch zum Thema „Sozialstruktur und Suizid in Österreich“ veröffentlichte.

Ein männliches Phänomen

Bei der Statistik Austria gibt es zu diesem Thema erst Daten ab 1970. Seit den 80er-Jahren sind die Zahlen jedenfalls rückläufig. Das mag an der größeren Anzahl präventiver Einrichtungen liegen, aber auch die gesellschaftliche Anerkennung von psychischen Krankheiten sei heute höher. Zudem würden mehr Menschen Therapien in Anspruch nehmen.

2007 haben in Österreich mehr als 1200 Menschen den Freitod gewählt oder sich selbst geschädigt. „Tendenziell ist es so“, erklärt Haring, „dass der vollendete Suizid ein Phänomen ist, das wir zu zwei Dritteln von Männern kennen.“ Bei Suizidversuchen sprechen die Zahlen eine umgekehrte Sprache: Hiervon seien Frauen zu zwei Drittel betroffen. Dass derzeit vor allem der Freitod von Männern in die Schlagzeilen gerät, mag wohl daran liegen, dass es meist sie sind, die Spitzenpositionen bekleiden. „Natürlich könnten jetzt einige sagen: Die Probleme von Merckle hätte ich gerne“, sagt Haring, aber eine Krise sei eben individuell und unabhängig von Schicht, Alter und Einkommenssituation.

Zerstörtes Lebenswerk

Der Verlust von Macht, Einfluss und Ansehen ist nur eine Seite der individuellen Lebenskrise. Wer am oberen Ende der Nahrungskette rangiert, ist genauso stark betroffen. „Denn dort sind psychologischer und materieller Einsatz am höchsten“, erklärt Watzka. „Ein Angestellter verliert zwar seinen Job, hängt aber nicht mit seinem ganzen Leben dran. Jemand, der eine Firma aufgebaut hat und verliert, sieht sein Lebenswerk zerstört.“

Denn für viele geht es bei einer Krise um viel existenziellere Probleme: „Gerade Menschen, die schon vorher Hilfe gebraucht haben, geraten verstärkt unter Druck. Was früher noch irgendwie gegangen ist, das trifft einen dann doppelt hart“, sagt Claudius Stein.

Ins Kriseninterventionszentrum kann zwar grundsätzlich jeder kommen, de facto sind es laut Stein aber „überdurchschnittlich viele Menschen mit sozialen Schwierigkeiten“, die hier Hilfe suchen. Menschen, die es sich sonst nicht leisten könnten. Denn während der eine ein Imperium verspekuliert, kämpft der andere mit den Heizkosten.

Treibt die Krise die Menschen in Scharen zum Therapeuten? „Man würde es an den Klientenzahlen merken, wenn Psychotherapie leichter zu finanzieren wäre“, sagt Eva Mückstein, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie. Es sei aber schwierig, wenn Menschen „wenig Mittel haben und dann noch Geld für Psychotherapie ausgeben müssen“. Seit Anfang Dezember sind Themen wie die Angst vor dem Jobverlust und finanzielle Belange vermehrt Themen in ihrer Praxis – speziell für jene, die nur gering qualifiziert sind. Einen Ansturm an Klienten gibt es noch nicht: „Aber der Bedarf wird steigen.“

Auf einen Blick

Krise und Suizidrate: Experten wollen sich nicht auf einen direkten Zusammenhang festlegen, dennoch kam es bereits im Zuge der Wirtschaftskrise von 1929 zu einer Reihe von Suiziden. Auch die Finanzkrise unserer Tage forderte bereits ihre Opfer: Vergangene Woche sorgte der Freitod von Ratiopharm-Eigentümer Adolf Merckle für Aufsehen.

Kriseninterventionszentrum Wien, Tel.: 01/406 95 95-0

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2009)

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