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Medien: „Integration ist nicht unsere Aufgabe“

Biber, Stadtmagazin Chefin vom Dienst Ivana Cucujkic
(c) Teresa Zoetl
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Lebensgefühl, hausgemacht: Junge Migranten machen ihre Magazine selbst, bunter und immer öfter - auf Deutsch. Sprache ist aber nur ein Teil der Entwicklung bei Österreichs Migrantenmedien.

Wann habe ich das letzte Mal eine serbische Zeitung gekauft?“ Ivana Cucujkic, Chefin vom Dienst beim Wiener Migranten-Magazin „das biber“, muss nachdenken: „Wahrscheinlich bei der Karadcic-Festnahme. Wenn so etwas passiert, greift sogar meine Generation auf ein Blatt aus der Heimat zurück.“

Sogar, weil Cucujkics Generation – die der jungen twentysomething Migranten der 2., 3. Generation – im Schlagzeilenalltag ohne Import-Periodika auskommt. Ein Grund: „Viele Junge“, sagt Cucujkic, „haben ein Problem mit der Sprache.“ Der eigenen. Denn was fürs Reden mit der Familie, TV-Konsum oder Surfen im Internet reicht, genügt nicht unbedingt für die Zeitungslektüre: „Leider“, fragt Cucujki?, „aber wo sollen sie die Grammatik der Muttersprache auch lernen? Von den Eltern? Die haben keine Zeit.“

 

Man schreibt Deutsch

Weshalb sich auch die Zeiten für die heimischen, in Österreich produzierten Migrantenprintmedien, ändern könnten. Zaghaft zeichnet sich ein Trend ab. Man schreibt Deutsch. Ab Februar wird Yektin Bülbül, Herausgeber von „Yeni Hareket“, einer Gratiszeitung, die österreichische Berichterstattung auf Türkisch bringt, und des Jugendmagazins „Turkuaz“, acht Seiten auf Deutsch drucken. „Wegen der Jungen“, wie er sagt. Denn die verstünden Deutsch besser als Türkisch. Derzeit sind „Yeni Hareket“-Leser zu 80 Prozent in der Türkei geboren. Wobei Deutsch, sagt Cucujki?, noch einen Vorteil hat: Es funktioniert wie bei „biber“, in dessen Redaktion seit dem Start 2007 Kroaten, Serben, Türken und Kurden arbeiten, transnational – und damit für einen größeren Markt.

 

Die Nostalgie der Jungen

Sprache ist aber nur ein Teil der Entwicklung bei Österreichs Migrantenmedien: „Es vollzieht sich eine Ausdifferenzierung“, sagt Fritz Hausjell vom Institut für Publizistik der Uni Wien. Das heißt: Das Angebot wird langsam größer, vielfältiger. Dominierte früher beim Hausgemachten der Typ „brave Vereinszeitung“, der Neuankömmlingen vor allem Service bot, Fragen beantwortete wie: Wie bekomme ich einen Kredit, eine Wohnung?, bringen neue Formate andere Themen aufs Tapet. Am meisten fallen dabei die Medien für die Jungen auf: Es geht um Party, Musik, Selbstironie, etwas (Gesellschafts-)Politik. Beispiele dafür sind das in Wien-Neubau angesiedelte „biber“ oder das Bürger-TV „Okto“: 30 Prozent des Programms werden von Migranten gemacht, 25 Prozent der Sendungen sind mehrsprachig.

Als Katalysator für neue Projekte fungiert laut Hausjell das „nicht sehr überzeugende Integrationsangebot“ der Mainstream-Medien, auch wenn er wie bei der wöchentlichen, von Migranten gestalteten M-Media-Seite der „Presse“ Ansätze für eine „fairere Berichterstattung“ sieht. Denn auch wenn Migranten von österreichischen Medien mit nackten Nachrichten versorgt werden, emotional gut aufgehoben fühlen sie sich nicht. Cucujki?: „Wenn über Migranten berichtet wird, ist es entweder negativ oder unter dem Migrantenaspekt, oder aber es ist positiv und der, über den berichtet wird, ist plötzlich ein Österreicher.“ Weswegen sich, so Hausjell, gerade die dritte Generation wieder für ihre Wurzeln interessiere. Dass Nostalgie zieht, zeigt sich in der Wiener Konzerte- und Partyszene: „Wir hören trashige Heimatlieder, Turbofolk“, sagt Cucujki?, „In Serbien oder der Türkei würde das keinen interessieren. Die tanzen zu Hiphop oder Punk.“

Mit der vergangenen Fußball-EM wurde diese hybride Wien-Balkan-Türkei-Lifestyleszene erstmals öffentlich wahrgenommen – und auch ökonomisch? Laut Cucujki?stecken „biber“-Nachfolgeprojekte in den Startlöchern. Und die Zahl jener, die über den „biber“-Chefredakteur Simon Kravanga den Kopf geschüttelt hätten, weil der andere gute Angebote abgelehnt habe, sei geschrumpft.

 

Neue Studie des ORF

Auch der ORF hat das Thema entdeckt. Nach langer Datendürre (der Teletest, der die Mediennutzung misst, differenziert nicht nach der Herkunft) arbeitet Hausjell an einer Studie zum TV-Konsum. Wobei bereits erste Ergebnisse eine kürzlich veröffentlichte GfK-Studie für den ORF brachte: Demnach ist Fernsehen – wie vermutet – für Migranten das wichtigste Medium, ein Großteil besitzt Satelliten- oder Kabelanschluss. Die Internetnutzung ist ähnlich der der Österreicher. Wobei Migrant nicht gleich Migrant ist: So sehen Türken am meisten fern, Osteuropäer am wenigsten. Diese lesen auch – anders als Türken – kaum Zeitungen aus der Heimat, nutzen aber das Internet überdurchschnittlich.

Apropos Unterschiede: Projekte wie „biber“ sorgen auch für Kopfschütteln – bei den Migranten. „,biber‘ ist mir zu modern“, sagt etwa Bülbül. „Das ist mehr Assimilierung.“ Eine Aussage mit der Cucujki? wenig anfangen kann: Natürlich gebe es auch in der Redaktion bei brisanten Themen Meinungsverschiedenheiten. Aber: „Generell machen wir ein Produkt mit Lifestyle für junge Wiener, die zu ihrem Background stehen“ – und sich wenig Gedanken, wie sich dieses auf die Integration des Zielpublikums auswirken könnte: „Integration kann ein Effekt sein, aber es ist nicht unsere Aufgabe.“

 

Hemmschuh für Integration?

Ob ein Medium eher integrationsfördernd oder -hemmend wirkt, lässt sich laut Hausjell übrigens nicht davon ableiten, mit welcher Sprache es arbeitet. Es gehe eher darum, ob sich die Themen nur um die erste oder auch um die zweite Heimat drehen. Er sei aber dagegen, so Hausjell, mit zweierlei Maß zu messen. Denn: „In den österreichischen Exilzeitungen in den 1940ern ging es auch immer wieder um die Heimat, die Wiener Cafés. Und das finden wir heute ja berührend.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2009)