Marathonlesung im Burgtheater: Keine Gefangenen vor Troja

Raoul Schrott
Raoul Schrott(c) EPA (Thomas Frey)
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15Stunden lang lasen Schauspieler und Laien aus Schrotts halbrhythmischer Ilias-Übersetzung.

Ach, wie schwer ist es doch, den Homer ins Deutsche zu fügen / Oft erwischt man das Metrum am falschen Fuße und stolpert / Prosa ist auch nicht das Wahre, ein freies Versmaß ein Ausweg (...)

Eben diesen Ausweg nahm der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott in seiner 2008 erschienenen Übertragung der Ilias. Er ist nicht der Erste, schon Wolfgang Schadewaldt hat auf die Hexameter verzichtet und trotzdem Rhythmisierung angestrebt, unter Berufung auf Brecht und T.S.Eliot übrigens. Schrott geht freilich weiter: Er überträgt nicht Vers für Vers, er verschiebt oft Adjektive (z.B. „Ilions breite Gassen“ statt „das breitgassige Ilion“). Viel wichtiger: Er übersetzt nicht Gleiches mit Gleichem.

So die berühmten „geflügelten Worte“, die in der Ilias 46-mal vorkommen: Schrott übersetzt diese stehende Fügung jedesmal anders: z.B. mit „jedes Wort eine Pfeilspitze“, mit „in schneidendem Ton“, mit „giftige Worte“, mit „Worte so scharf wie Pfeile“.

Zeus lässt Hera abblitzen

Das mag vom Sinn her okay sein, aber es macht die Sprache reicher, als sie im Original ist, und vielleicht verdankt Homers Dichtung ihre Wirkung über die Jahrtausende ja auch ihrer Formelhaftigkeit? Ihrer Kargheit?

Schrott wechselt auch – absichtlich im Unterschied zu Homer – die Sprachebenen: Wo bei Homer, je nach Sicht, alles gleich erhaben oder alles gleich lakonisch klingt, kontrastiert er gehobene, bisweilen leicht altertümelnde Sprache mit lässiger Umgangssprache, deren sich Götter wie Menschen bedienen. Da sagt Agamemnon zu Achilleus „Zieh doch endlich Leine“ und Nestor zu Odysseus „Reg dich ab“, da lässt Zeus seine Hera „abblitzen“ (ist ja ganz passend für einen Blitzeschleuderer), da machen die Griechen „keine Gefangenen“, da lieben sich Hera und Zeus, „dass die Bettpfosten krachen“, olympisch sozusagen. Das geht meistens gut, nur selten vergreift sich Schrott im Ton, so wenn die vom Tod Hektors getroffene Andromache „Wir Unglücksraben!“ sagt, was in seinem augenzwinkernden Gestus vielleicht in die Pradler Ritterspiele passt, aber nicht in eine der niederschmetterndsten Szenen der Ilias. Über die volksetymologische Bildung „klammheimlich“ mögen sich strengere Lehrer empören ...

Einen Test der Zeit hat Schrotts Übersetzung jedenfalls im Burgtheater bestanden: Viele, erstaunlich viele hielten am Freitag sechs Stunden und am Samstag gar neun Stunden durch, erquickt nur durch ein (neu-)griechisches Buffet in den Pausen, aufgerüttelt durch Schlagzeugeinwürfe von Angela Berann zwischen den Gesängen.

Erstaunlich war die Sitzfestigkeit der Zuhörer auch, weil Schrotts Zwischenform zwischen Prosa und Lyrik nicht leicht zu konsumieren ist: Man wird ständig in Rhythmen hinein- und wieder herausgeworfen, die Erzählung fließt, aber nicht wie Prosa, sie mäandert, nur selten (mit-)reißend wie der blutig rote Skamander. Dann aber, wenn das Männermorden ganz wirklich, wenn es konkret physisch wird zwischen Waffen und weichem Fleisch, dann ist jedes Wort eine Pfeilspitze, es greift einen unmittelbar an.

Auch die Vorlesenden: Das hörte man bei allen, bei den Profis (von Tobias Moretti bis Elisabeth Orth) und den Laien (von Rudolf Scholten bis Heide Schmidt) gleichermaßen. Sie alle lasen und ließen spüren, dass sie etwas spürten, und wenn sie strauchelten, dann wollte man wissen: Es war die Rührung. Auch deshalb: ein zähes, mühsames, hartes Erlebnis, aber ein Ereignis.

SCHROTTS THEORIEN

Homer kommt von „Omar“ (westsemitisch für Erzähler), der Verfasser der Ilias und der Odyssee war um 680 v.Chr. ein (wahrscheinlich kastrierter) Hofschreiber im Dienst der Assyrer in Kilikien (im Süden Kleinasiens), wo auch das historische Vorbild für den Kampf um Troja stattfand. Mit diesen ab Ende 2007 publizierten Thesen stieß Raoul Schrott bei Altphilologen auf (empörte) Ablehnung. Wie seine Übertragung sind sie bei Hanser als Buch erschienen: „Homers Heimat“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2009)

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