Harry Kupfer inszenierte noch einmal die „Lustige Witwe“ – nach 1945 transferiert.
Als Harry Kupfer vor Jahrzehnten Franz Lehárs Meisteroperette inszenierte, zertrampelten zu schlechter Letzt SS-Männer die Idylle. Beim Zweitversuch, Sonntagabend in Hamburg in Szene gegangen, knüpft Kupfer an, wo er damals endigte: Drei Schauspieler, sie entpuppen sich bald als Hanna Glawari, Danilo und Njegus, kehren in einem Jeep an die Stätte ihrer Triumphe zurück. Im zerbombten Ufa-Studio erinnert man sich, wie das war, als man vor Kurzem noch mit gigantischem Aufwand Lehár als Sorgenbrecher auf Zelluloid bannte.
Einen Akt lang schöpft der Regisseur aus fortwährenden Vor- und Rückblenden hohe Spannung. Während Valencienne und Camille ihre verspielt-verführerischen Duette in ungestörter Lustspielmanier absolvieren, entspinnt sich zwischen Hanna und Danilo ein subtil zwischen Realität und Déjà-vu aufgespannter Psychokrieg. Das scheint zu einer höchst neuen Variante der Ballade von den beiden Königskindern zu führen – die in dieser durch Kürzungen kräftig gerafften Version ausdrücklich „Künstlerkinder“ sind.
Doch gelang es Kupfer diesmal nicht, sein Konzept der Verschmelzung unterschiedlicher Wahrnehmungswelten stimmig weiterzuführen. Nach der Pause nützt sich der Effekt der Ufa-Kameras, vor denen nach Herzenslust posiert wird, als Camouflage der üblichen Operetten-Gags ab. Denn die Rückführung in die Rahmenhandlung wird erst spät, und dann nicht wirklich stimmig vollzogen. Bleibt freilich auf der Habenseite des Regisseurs nach wie vor virtuose Hand, jede einzelne Szene perfekt durchzuformen, keine Leerläufe zuzulassen und Solisten wie Chor in wirbelnder Bewegung zu halten.
Klamauk – und die Musik!
Daran – und an manche Klamaukeinlage hält sich das hörbar amüsierte Hamburger Publikum an diesem Abend, der eine Heimkehr markiert. Immerhin hat das Opernhaus der Hansestadt die „Witwe“ seit 1943 nicht mehr im Programm gehabt. Eine Spieltradition gab es also nicht, auf die Karen Kamensek bei der musikalischen Einstudierungsarbeit zurückgreifen konnte. Die Erfahrung vieler Abende, die diese Dirigentin an der Wiener Volksoper geleitet hat, kommt ihr im norddeutschen Operetten-Sonderfall nun wohl zugute: Das philharmonische Orchester musiziert mit Leichtigkeit, Schwung und vor allem mit dem nötigen Sinn für Lehárs duftige Klangfarben. Die Ensembles sitzen.
Und den Protagonisten antworten die rechten Instrumental-Repliken, je nachdem, ob sie wie die Hanna der Camilla Nylund oder der Danilo des Grazers Nikolai Schukoff Material genug für große Opernszene; oder wie Gabriele Rossmaniths und Jun-Sang Hans Buffo-Paar leichtgewichtigere Töne hören ließen.
Hans Schavernochs verwandlungsreiches Bühnenbild blendet vom historischen Dokumentarfoto bruchlos in abstruse Unterhaltungs-Koloristik, in der der Eiffelturm einen Südseeprospekt-Traum überragt; so viel Illusionstheater kann aber gar nicht sein, dass Lehárs Musik je ihr Eigenleben und ihre Schlagkraft einbüßen würde.
Weitere Vorstellungen: 25., 28., 31.Jänner,
2., 6., 11. und 15.Februar.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2009)