An Lincoln und Cicero geschult

Der neue US-Präsident ist ein brillanter Redner. Barack Hussein Obama vereinigt Charakter und Emotion mit bestechenden Argumenten.

Der Mann hat einen einfachen Geschmack. Er will nur das Beste. Zur Vorbereitung seiner Inaugurationsrede habe er auch die Ansprachen von Lincoln und F. D. Roosevelt studiert, sagt US-Präsident Barack Obama. Das ist hoch gezielt; Lincoln (1861 bis 65) schaffte die Sklaverei ab und gewann den Sezessionskrieg. Er war ein begnadeter Redner und gilt bis heute als moralisches Gewissen der Nation. Roosevelt führte sein Land aus der Depression, aber auch in den Krieg. Sein berühmtester Satz bei der Inauguration 1933, der den Menschen Mut machen sollte: „Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst.“

Obama kann es noch prägnanter: „Yes! We! Can!“Gelernt hat er rhetorische Figuren wie diesen endgültigen, aus drei betonten langen Silben bestehenden Molossus aber nicht nur von seinen charismatischen Kollegen und von Predigern, sondern von antiken Lehrmeistern. Die griechischen Sophisten entwickelten die „techne rhetorike“ zur Wissenschaft. Man warf ihnen vor, dass sie nur überreden wollten, nicht aber überzeugen.

Das ist zu wenig für einen klassischen Römer wie Cicero. Der perfekte Redner müsse über jedes Thema sprechen können, schreibt er in „De oratore“, aber er dürfe es nur im Dienste des Guten tun. Nicht nur das Argument, sondern auch Charakter und Emotion zählen. Dann stellt das rechte Wort zur rechten Zeit sich ein. Kein Problem für Obama. Sein neues Zauberwort heißt „responsibility“.Denn Barack ist ein ehrenwerter Mann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2009)

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