Attentäter Graf von Stauffenberg aus der Sicht namhafter Historiker.
Eine „ungewöhnliche Art von Moral und patriotischem Engagement“ bescheinigt der britische Historiker Richard J. Evans im abschließenden dritten Band seiner monumentalen Geschichte des Dritten Reiches („The Third Reich at War“, 2008) dem Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Diese Eigenart erklärt er dadurch, dass der Graf als junger Mann zum Kreis des elitären Dichters Stefan George gehörte, anfangs ein begeisterter Anhänger des Dritten Reiches war, bei dem nach der Schlacht um Stalingrad die Desillusionierung einsetzte. Von Stauffenberg habe sich gegen Hitler gewandt, weil er über die Gräuel der SS hinter der Ostfront schockiert war. Deswegen habe er sich entschlossen, Hitler zu töten.
Über die frühe Begeisterung des jungen süddeutschen, jugendbewegten Adeligen für die Nazis schreibt Joachim C. Fest in seinem großen Werk „Hitler. Eine Biographie“ (1973): „...und wenn es auch in den Bereich der Legende gehört, dass er sich am 30. Januar 1933 in Bamberg an die Spitze einer begeisterten Menschenmenge gesetzt habe, so hat er doch die revolutionären Ansätze des Regimes sowie die frühen Erfolge Hitlers nicht ohne Zustimmung verfolgt.“
Ian Kershaw bewertet Stauffenberg in „Hitler. 1936–45: Nemesis“ (2000) differenziert: In der Jugend neokonservativ, elitär, zum kulturellen Mystizismus neigend, habe er zwar den rassistischen Antisemitismus abgelehnt, sich zugleich aber im Krieg in Polen verächtlich über die Bevölkerung gezeigt, die Kolonisierung gutgeheißen. Der Sieg der Deutschen dort, das Vorrücken an der Westfront begeisterten ihn. Die endgültige Abwendung sei erst 1942 erfolgt. „Wie manche seiner Kritiker hervorhoben, sei es im Vergleich zu anderen sehr spät gewesen, dass er schließlich überredet werden konnte, an der Verschwörung teilzunehmen.“
Hans Mommsen erklärt im Sammelband „Der Zweite Weltkrieg“ (1989) einen Aspekt des Zögerns; sich gegen Hitler zu stellen, war „tendenziell immer Hochverrat und Landesverrat zugleich. Teile des bürgerlich-konservativen Widerstands scheuten zunächst davor zurück, diese Konsequenz nachzuvollziehen.“ Aber sie kam. Michael Burleigh schreibt in „The Third Reich. A New History“ (2000), dass die Enttäuschung über Hitler bei von Stauffenberg zwar später als bei vielen anderen einsetzte, dafür aber umso intensiver. Erst der „große, physisch beeindruckende Katholik aus Bamberg“ habe den nötigen Elan in die Sache eingebracht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2009)