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Bruce Springsteen: Amerikas Traumarbeiter Nr.1

(c) AP (Bill Kostroun)
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Der "Working Class Hero" und Wahlkämpfer für Obama hat seine neue Platte nicht ohne Absicht kurz nach der Angelobung Obamas veröffentlicht. Sie heißt programmatisch "Working on a Dream".

„Ein Haus, das groß genug für alle unsere Träume ist“, wolle sein Kandidat Barack Obama bauen, hatte Bruce Springsteen bei einer Wahlkampfveranstaltung verheißen – und unter Jubel gerufen: „Ich will mein Land, meinen Traum, mein Amerika zurück!“

Die Arbeit an einem Traum: Das ist Obama-Pathos in einer Nussschale, keine Frage, aber passt es auch zu Springsteen? Vom „Runaway American Dream“ war einst in „Born to Run“ prominent die Rede, doch da verloren sich die verlorenen Helden in der „Death Trap“, im „Suicide Rap“...

Nun heißt Springsteens neues Album „Working on a Dream“, er hat es nicht ohne Absicht kurz nach der Angelobung Obamas veröffentlicht. Doch der Titelsong ist keine Hymne, sondern ein schweres, belastetes Lied, ein „working Song“: Es regne, während er den Hammer schwinge, seine Hände seien rau von der Arbeit am Traum, singt Springsteen, mit dieser schwerlippigen, mühseligen Artikulation, die er immer annimmt, wenn er sehnsüchtig aufs „promised Land“ blickt wie Moses auf Kanaan.

Oder wie Kain auf das Land, aus dem ihn Gott vertrieben hat? Diese biblische Figur, die Springsteen seit alters lieb ist („Adam Raised a Cain“), spukt durch einen anderen Song: „Here we bear the mark of Cain“, heißt es in „What Love Can Do“, einem Lied, nein: einem Schwur auf die Liebe.

Ein anderer Song, „Surprise, Surprise“, hat die Form eines Segens: „May the rising sun caress and bless your soul for all your life!“, singt Springsteen, von Trommeln geschürt. Die Sonne, nicht Gott? Springsteen hat sich nie gescheut, den Namen zu nennen. Gleich im nächsten Song, „The Last Carnival“, der Klage um einen Freund, kommt er vor, aber mit dem unbestimmten Artikel: Ein Gott habe Millionen Sterne versammelt, „to sing a hymn over your bones“.

Lied für eine Supermarkt-Kassiererin

Nein, Bruce Springsteen ist kein Sonntagslehrer geworden, und sein Pathos ist noch immer gebrochen, unsicher, zweifelnd. Auch sein politisches Pathos: Bei der Feier für Obama hat er – gemeinsam mit dem alten linken Folksänger Pete Seeger – just Woody Guthries „This Land Is Your Land“ gespielt, diese Heimathymne für die Entfremdeten, und es war ihm wichtig, dass man von ihm nicht nur den Slogan „Vote for change!“ hörte, sondern auch konkretes Engagement für Lebensmittelhilfe für sozial Schwache. Seit 20 Jahren spendet er einen Teil seiner Konzerteinnahmen für Suppenküchen.

So gilt das berührendste Lied auf „Working on a Dream“ einer Kassiererin im Supermarkt, in „a wonderful world, where all you desire and everything you've longed for is at your fingertips“ – aber nicht erreichbar für sie, die „Queen of the Supermarket“, umjubelt von Chören, die bei jedem anderen zynisch klängen, bei Springsteen hört man sie als ernst gemeinte Huldigung.

Musikalisch dramatischer, dräuender ist das Poem an den „Outlaw Pete“: Hier sterben Männer, und Frauen weinen, und der Verursacher der Tränen, ein Mörder und Dieb, sattelt sein Pferd und reitet westwärts, 40 Tage lang. Nun ist er verschwunden: im Westen, Springsteen ruft ihm nach. Ein seltsamer Reiter. Ein seltsamer Song. Seltsames Land.

ZUR PERSON

Bruce Springsteen, am 23.9.1949 in New Jersey geboren, wird von seinen Fans schlicht „The Boss“ genannt. Der Durchbruch gelang ihm 1975 mit „Born to Run“. „Working on a Dream“ ist sein 16.Studioalbum.

Live in Wien: Am 5.Juli tritt Bruce Springsteen im Ernst-Happel-Stadion auf. Der Vorverkauf läuft ab 26.Jänner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2009)

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