Dem Biologen graust vor nix, sagen die Biologen gern, im Einklang mit den Reinen, denen alles rein ist.
Wir Unreinen und Nichtbiologen kennen dagegen feine Abstufungen des Grausens, es reckt uns anders, wenn wir an Fettem würgen (wie einst Peter Handke an Österreich), als wenn uns ein hämischer Wirt erklärt, dass das Beef Tatar, das wir soeben genossen haben, aus dem Fleisch eines Hundes – übrigens mit untadeligem Stammbaum! – geschnetzelt gewesen sei.
Woran liegt es, dass Menschen, denen angesichts eines Sauschädels, sozusagen Auge in Auge mit dem Paarhufer, der Appetit nicht vergeht, ein Gulasch aus Maden um nichts in der Welt anrühren wollen, selbst wenn man ihnen versichert, dass die Maden sich ausschließlich von Schweinefleisch ernährt hätten?
Finden wir die Muskelproteine Myosin und Actin – und das ist alles Fleisch im Wesentlichen – umso grauslicher, je stärker ihre Aminosäurensequenz von der unseren abweicht? Je fremder sie uns stammesgeschichtlich sind? Verzichtet die magenschonende Speisekarte programmatisch auf Wirbellose?
Das würde zur verbreiteten Abscheu vor Insekten passen. Dagegen spricht, dass gerade Gourmets sich für Fleisch von Weichtieren – Muscheln, Schnecken, Tintenfische – begeistern. Baumeister Richard Lugner etwa, der im Gegensatz zu seiner Exfrau prinzipiell keine Kakerlaken isst, liebt Austern, aber nur mit Ketchup – eine subtile Variation: Denn Ketchup steht spätestens seit Erfindung des Farbfernsehens für Blut, es ersetzt symbolisch die Hämolymphe, das bestürzend blaue Blut des Weichtiers.
Aber welches Blut ist wie eklig? Den Freund des Sautanzes tröstet die Volksweisheit, dass „der Inhalt einer Leberwurscht auf ewig unerfurscht“ bleibe. Fazit: Es kommt nicht auf die Chemie, auf den Stoff an, sondern auf seine Aura: Das ist das Metaphysische am Ekel. Wem graust, der kann kein reiner Materialist sein. So gesehen ist „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ eine Sendung der Transzendenz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2009)