Die Angst geht um, dass österreichische Institute Kapital abziehen könnten. Misstrauisch werden staatliche Hilfspakete beäugt, die Abhängigkeit von fremden Geldgebern als Gefahr empfunden.
Wien. Die Party ist vorbei: Erstmals gab es auf der Euromoney-Konferenz in Wien nichts zu lachen. 14 Jahre lang trafen sich Minister, Notenbankchefs und Investoren aus ganz Mittel- und Osteuropa, um einander auf die Schultern zu klopfen und zu glänzenden Wirtschaftsdaten zu gratulieren. Und sie dankten Österreichs Banken, die mit ihrer Expansion Investoren in die Region brachten, das Wachstum mit Krediten befeuerten und für stetigen Kapitalzufluss sorgten.
Heute ist alles anders. Die CEE-Wachstumsraten werden Woche für Woche nach unten revidiert. Den neuesten Stand verkündet Erik Berglöf, Chefökonom der Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD): „Näher bei null Prozent als bei zwei Prozent“ werde das Wachstum liegen. Noch im Oktober waren die Ökonomen von plus vier bis fünf Prozent ausgegangen. Kaum jemand würde es wundern, wenn sich die Prognose noch ins Minus dreht.
Dazu kommt nun die Angst, dass die internationalen Banken den Rückzug antreten. Misstrauisch werden staatliche Hilfspakete beäugt: Wenn die Erste Bank, Raiffeisen oder UniCredit öffentliche Gelder in Anspruch nehmen – wird dann der Staat fordern, dass seine Mittel nur im eigenen Land eingesetzt werden? Die Abhängigkeit von fremden Geldgebern wird plötzlich als Gefahr empfunden: „Man kann nicht darauf vertrauen, dass sechs ausländische Banken 350 Mio. Menschen finanzieren“, warnt Maya Bhandari, Ökonomin bei Lombard Street Research.
Zu sehr auf Westen vertraut?
Was aber ist in der Region schiefgelaufen? Staatsschulden und Inflation sind in den meisten Ländern im Griff. Aber die starke Abhängigkeit von Exporten nach Westeuropa ließ die globale Krise schnell überschwappen und führt nun zu einem Mutiplikatoreffekt, erklärt Bhandari. Ihre Empfehlung: „Statt nur auf Export zu setzen, muss die heimische Nachfrage gestärkt werden.“ Noch größer freilich ist die Abhängigkeit von ausländischem Kapital. Das zeigt sich in den Handelsbilanzdefiziten. Während Asien und Lateinamerika einen Großteil ihrer Auslandsschulden zurückzahlten, sind sie in CEE weiter gestiegen. Ein großer Teil davon sind freilich Kredite, die Konzerntöchter der Westbanken bei ihren Müttern aufnehmen.
Dieser Kapitalfluss darf nicht versiegen, warnt EBRD-Vizepräsident Manfred Schepers. Ihn brauchen vor allem die Unternehmen, meint Debora Revoltella, CEE-Chefstrategin der UniCredit: „Sie bekommen derzeit kein Geld von Börsen oder vom Anleihenmarkt“. Bleiben die Banken. An ihrem Tropf hängen auch die stark verschuldeten privaten Haushalte: Im Schnitt müssen sie etwa 20 Prozent ihres Einkommens für den Schuldendienst aufwenden; im Euroraum ist es nur die Hälfte.
Aber auch der Bankensektor braucht Geld, nach UniCredit-Berechnung mehr als 400 Mrd. Euro. Die Konzerntöchter müssen es sich von ihren Müttern holen, diese wiederum am Geldmarkt. Dort steigen die Kosten, und das gelte, wie ein Chart der Unicredit-Analysten nahelegt, besonders für Raiffeisen International. Ein Seitenhieb auf den starken Konkurrenten, der sich auch in riskantere Märkte wie Russland, Ukraine und Weißrussland vorgewagt hatte: Er zahle besonders hohe Prämien für Kreditausfallsversicherungen und habe untypisch viele Kredite im Vergleich zu Spareinlagen.
Hampel: „Plan für CEE“
Für das eigene Haus beeilt man sich freilich zu versichern, dass alles beim Alten bleibe: „Wir sind ein strategischer Investor, wir bleiben im Markt und werden alles tun, um eine Kreditklemme zu verhindern“, verspricht Erich Hampel, Bank-Austria-Chef und CEE-Verantwortlicher der UniCredit. Dafür schlägt Hampel einen „Plan für CEE“ vor, der zwischen den internationalen Geldgebern, Ländern und Banken abzustimmen sei. Über das Wann, Wie und Wieviel macht er sich noch keine Gedanken, er wolle nur „eine Diskussion in Gang setzen.“
Doch die Zeit drängt. Die Investoren müssen wieder Vertrauen fassen, fordern die Experten der EBRD. Dann freilich sei das Potenzial ungebrochen. Wenn es derzeit auch nichts zu feiern gibt – man macht sich doch gegenseitig Mut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2009)