Peter Turrini: Die Kindheit, eine einzige Karambolage

PETER TURRINI
PETER TURRINI(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Schriftsteller freut sich über die "Kitschwelle" für Obama. Anlässlich seines ersten Kinderbuches erinnert er sich an seine Eltern und an Kärnten in den Fünfzigerjahren.

Die Presse: Finden Sie Barack Obama auch so sympathisch wie alle Welt?

Peter Turrini: Was wir hier erleben, ist eine unvorstellbar schöne Kitschwelle des Positiven. Ich habe überhaupt keinen Grund, mich so seltenen Genüssen zu verweigern. Das ist schon was Tolles.

Wird jetzt wirklich alles anders und besser?

Turrini: Das glaube ich keineswegs. Ich glaube sogar, dass sich politisch vieles verschlechtern wird. Trotzdem sind aufbrechende Hoffnungen schöner als ausbrechende Depressionen. Die Welt geht wirtschaftlich zugrunde, aber man ist am Rande des Weinens, weil ein Schwarzer US-Präsident geworden ist. Das ist ja auch gut so.

Und wie sieht es in Österreich politisch aus?

Turrini: Es herrscht die durchschnittliche trübe oder halbtrübe Finsternis. Der Vorteil der Ära Kreisky war, dass sie wenigstens lange gedauert hat. Da konnte man sich mit Meinungen und inneren Empfindungen auf jemanden einstellen. Inzwischen wechselt alles ständig. Kaum hat man sich an Gusenbauers „Fit für Österreich“ gewöhnt, schon kommt ein noch Fitterer daher. Mir geht das zu schnell. Mir vergeht die Kommentierlust.

Sie haben erstmals ein Kinderbuch geschrieben, teils voller Schrecken, teils humorvoll.

Turrini: Die humorvolle Erzählung von Schrecken ist das Credo meines schriftstellerischen Tuns. Das gilt nicht nur für die Kindergeschichten. Auch meine Stücke handeln von schrecklichen Sachen – trotzdem geht es dabei ziemlich lustig zu. Das ist nicht nur eine ästhetische Methode, die ich mir ausgedacht habe, sondern auch meine Lebenserfahrung. Ich habe immer das Gefühl, wenn es am Schlimmsten ist, ist es gleichzeitig auch zum Lachen.

Hatten Sie eine eher glückliche oder unglückliche Kindheit – so insgesamt?

Turrini: Meine Kindeswelt war geprägt von Karambolagen. Wir waren drei, später vier Brüder, weil vom Vater noch ein italienischer Sohn dazugekommen ist. Unsere Mutter hat uns vor dem Einschlafen immer schöne Geschichten von großer christlicher Gerechtigkeit erzählt. Stets türmten sich Schwierigkeiten auf und am Ende ging alles gut aus. In der Wirklichkeit eines Kärntner Dorfes in den Fünfzigerjahren ging gar nichts gut aus. Unter den Kindern ging es brutal zu, ihre Eltern waren Bauern, Kleinbauern, Häusler. Ich erinnere mich an Szenen, wie Kinder mit der Gummiwurst, das waren abgerissene Keilriemen, geschlagen wurden. In dieser Welt ging es nicht darum, einem Frosch über die Straße zu helfen, sondern ihn mit einem Strohhalm aufzublasen. Es zählte Härte und nicht Güte und Gerechtigkeit. Wenn ich damit nicht fertig wurde und zur Mutter lief, hat sie mich getröstet und gesagt, ich sei eben besonders sensibel und etwas Besseres. Das war auch furchtbar, weil man nichts Besseres ist, und außerdem brachte mich das noch weiter weg von den anderen Kindern.

Wenigstens sind Sie nicht geschlagen worden.

Turrini: Nein, nie. Meine Mutter war eine sehr warmherzige und gerechte Frau.

Wie war Ihr Verhältnis zu den Brüdern? Unter Brüdern geht es ja oft ziemlich hart zu.

Turrini: Nein, das war bei uns anders. Der Hans war zwei Jahre älter als ich, der ist immer mit den Größeren abgehauen, und ich habe ihn beneidet. Ich musste immer auf den Jüngeren, den Walter, aufpassen und ihn mit mir herumtragen. Ich habe bis heute das Gefühl, ich muss alle Jüngeren, Schwächeren, Ärmeren, Dünneren auf meine Schultern laden und über den reißenden Bach tragen. Ich glaube, ich habe einen christophorusartigen Dachschaden. Wir Kinder waren tagsüber uns selbst überlassen. Das ging nicht anders, die Eltern schufteten, damit wir aus der Armut herauskommen. Wir lebten zu sechst in einem Raum und ein Klo gab es nur unten im Hof. Mir ist das allerdings völlig normal vorgekommen.

Kinder waren früher oft nicht gewünscht. Heute ersehnt man sie mit allen Mitteln.

Turrini: Ich glaube, dass unsere Eltern uns sehr wohl wollten, aber ich habe ebenso mitgekriegt, dass es für sie ein finanzielles Problem war. Sie haben sich so angestrengt, dass wir auf eine Mittelschule gehen konnten, aber das hieß für sie noch mehr Arbeit, noch mehr Schuften.

Heute stecken die Eltern wieder bis zum Hals in Arbeit. Da hat sich nicht so viel geändert.

Turrini: Etwas hat sich sehr wohl geändert, heute wird über alles geredet, damals wurde über alles geschwiegen. Auf der einen Seite finde ich es einen Vorteil, dass die Dinge ausgesprochen werden, dass Kindererziehung ein öffentliches und familiäres Thema ist. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob alle diese Debatten den inneren Schmerz, den man als Kind und Jugendlicher empfindet, wirklich mildern.

Waren Ihre Eltern stolz auf Sie?

Turrini: Mein Vater ist gestorben, als ich 19 war. Bis heute tut es mir weh, dass er meinen Weg nicht mitgekriegt hat, dass ich nicht mehr mit ihm reden kann. Zu meiner Mutter hat es viele Jahre ein schwieriges Verhältnis gegeben, weil ihr meine schriftstellerische Arbeit fremd war. Sie fand diese „ordinären Ausdrücke“ in meinen Stücken furchtbar. Bruno Kreisky hat meine Mutter bei einer Premiere angesprochen und sie gefragt, ob sie stolz auf mich sei. Es ist ja alles recht und schön, hat sie geantwortet, aber muss er immer solche Ausdrücke verwenden? Meine Mutter hat Johannes Mario Simmel verehrt und dazu gibt es eine schöne Geschichte. Ich habe mich in den Siebzigerjahren mit Simmel befreundet. Er wusste, dass ich in Kärnten in einer Tischlerei aufgewachsen bin, und als er mich eines Tages telefonisch nicht erreichte, rief er meine Mutter an. „Hier spricht Simmel“, sagte er zu ihr und fragte, ob ich zufällig in Kärnten sei. Meine Mutter war fassungslos, ihren Lieblingsautor am Telefon zu haben, und sagte mit aufgeregter Stimme: „Mein Gott, Herr Simmel, wenn mein Bub nur so gut schreiben könnte wie Sie.“ Und Simmel antwortete: „Mein Gott, Frau Turrini, wenn ich nur so gut schreiben könnte wie Ihr Sohn.“ Das werde ich ihm nie vergessen. Das war mein literarischer Durchbruch bei meiner Mutter. In den letzten Jahren ihres Lebens sind wir uns sehr nahegekommen. Ich habe verstanden, was es hieß, in der Nachkriegszeit vier Kinder durchzubringen, und sie hat ein bisschen besser verstanden, was mich im Leben und in der Kunst umtreibt.

Ihr Stück „Die Wirtin“ (1973), das demnächst im Theater in der Josefstadt herauskommt, spielt in den Fünfzigerjahren in Bibione. Warum? Waren Sie damals dort?

Turrini: Einige Jahre später. Ich war dort Barmann, Hotelsekretär und Hoteldirektor. Ich kenne diese Stimmung der Fünfzigerjahre aus Erzählungen und einen Teil davon habe ich auch noch in den Sechzigern erlebt. Am Anfang war Bibione ein Fischerdorf. Dort war gar nichts. Das nächstgrößere Dorf war Latisana und plötzlich entstand an diesem leeren und von Gelsen heimgesuchten Adriastrand ein verrückter Goldrausch wie am Klondike (Kanada 1896). Die Fischer verkauften ihre Gründe und in wenigen Jahren verwandelte sich alles in Hotels, Bars, Pizzerias usw. Bald befanden sich im Sommer ein paar hunderttausend Menschen in Bibione und Ende des Sommers waren sie alle wieder weg. Einige hundert Leute blieben zurück: Barbesitzer, Kellner, Hoteldirektoren, Ehefrauen, Eisdamen. Sie verschanzten sich in kleinen, überhitzten Cafés, dort waren auch alle Arten von Schurken, Glücksrittern, Betrügern, ja sogar verarmte Adelige aus Venedig, die versuchten, sich Frauen anzulachen, die nach Geld aussahen, das sie im Sommer verdient hatten.

Was hat das Stück mit Goldoni zu tun?

Turrini: Es ist kein Wort von Goldoni. Ich habe einige Handlungselemente und noch etwas von ihm übernommen: Seine Art, die Abgründe der menschlichen Seele mit komödiantischen Mitteln bloßzulegen. In einem Punkt habe ich seine Geschichte völlig auf den Kopf gestellt: Dass die Goldoni'sche Wirtin reiche Männer malträtiert und die sich alles gefallen lassen, ist wohl eine schöne Illusion. Mit der damaligen und mit der heutigen Realität hat das sicher nichts zu tun. Ich wollte auch die Geschichte eines Mannes erzählen, der sich an einer Frau, die ihn sexuell gekränkt hat, ökonomisch rächt.

Was haben Sie für Pläne? Der kommende Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann wird ein neues Stück von Ihnen spielen?

Turrini: Wir reden über neue Stücke, aber das tun wir schon seit Jahren. Auch mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger wälze ich Pläne. Und mit Silke Hassler schreibe ich das Drehbuch von „Jedem das Seine“ fertig. Das war ein Stück, das Dietmar Pflegerl bei Silke und mir in Auftrag gegeben hat. Jetzt soll ein Kinofilm daraus werden. Die Regie wird die Elisabeth Scharang machen. [Verena Ballhaus]

PETER TURRINI DEMNÄCHST

„Die Wirtin“ (1973), frei nach Goldoni, kommt Donnerstag (29. 1.) mit Sandra Cervik in der Josefstadt heraus. Regie: Föttinger.

Was macht man, wenn Soldaten auf dem Dach sitzen? Wie geht man mit Schlägertypen um? Wie landet man bei Mädchen? „Was macht man, wenn ... Ratschläge für den kleinen Mann“ von Peter Turrini ist im Annette Betz Verlag erschienen, illustriert von Verena Ballhaus (14,95 Euro, ab 5 Jahre).

Am 28. 1. präsentiert Turrini sein Kinderbuch in der Nationalbibliothek (Einladung).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2009)

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