Auf dieser Seite darf man über alles lesen – sogar über die Erfinder der Tierbordelle.
Ein guter Freund aus Graz, den es wunderte, dass unser Feuilleton-Kollektiv auf seiner Terrasse in Erdberg während der Inauguration in Washington spontan Gospels sang, fragte mich beim Rauchen von Kubanischen, ob es wahr sei und ob es der „Presse“ denn einen Kick gebe, den „Falter“ links zu überholen, wie das die blauen Burschen mit den roten Schmissen in ihren braunen Gesichtern neuerdings behaupteten.
Mir persönlich passiere das schon öfters, antwortete ich wahrheitsgemäß, nur sei dazu jetzt nicht die passende Zeit. Am besten überholt man den „Falter“ im Mai. Dann gibt es mir einen ordentlichen Schub, wenn ich bei lauer Luft im roten Lambo-Cabrio an der Marc-Aurel-Straße vorbeibrause, wo sich zufällig Armin Thurnher auf seinem gutbürgerlichen „Falter“-Waffenrad abstrampelt. Wahrscheinlich denkt er gerade über den großen Horizont nach. Ich aber gebe den Blinker raus, wecke den Turbo – und schon ist der von mir meist geschätzte Chefredakteur im Rückspiegel ein kleiner Faltermann am rechten Rand. Alles eine Frage der Perspektive.
Sie haben es längst bemerkt, liebe LeserInnen, es wird politisch, wenn Thurnher und FPÖ-Sekretär Vilimsky unser seit 1848 neues und freies Blatt ideologisch prüfen. Der eine beleidigt kommentierend meinen Chef, der andere Ihre Intelligenz. Der eine ortet Spießbürger, der andere Linksliberale (als ob sich das ausschlösse). Da muss man höllisch aufpassen, dass nichts velwechsert wird.
Und jetzt hat auch noch die „Kronen Zeitung“ zugeschlagen, bei der ich nach Lektüre des Telemax und der hohen Kultur meist zwar nicht über die Tittenseite – pardon, Titelseite – hinauskomme, aber in der unlängst ein als Salonsteirer verkleideter Postmeister namens Jeannée nicht ganz zufrieden mit unserem Bericht über richtigen und unechten Dschungel bei RTL war. Seinen Brief adressiert er an die „Liebe Mausi Lugner“. Er quält sie mit der Vorstellung, dass „Die Presse“ nicht mehr die „ehrwürdige Journaltante“ von einst sei.
Das ist eine erstaunliche Enthüllung, die Frau Lugner nach so viel Australien vielleicht gerade noch verkraften wird. Aber ich bin erschüttert. Ich soll kein Bourgeois mehr sein mit Krawatte und Stecktuch, sondern der Bewohner eines schwülen Feuchtgebietes, in dem Kameraden mit schwarzen Nazi-Hemden gequält und GenossInnen mit Zungenküssen begrüßt werden?
Es ist Zeit für eine Entgegnung und für ein beherztes Coming-out: Die Redaktion der „Presse“ lehnt das Schwarzfahren ab. Deshalb besitzt ausnahmslos jeder Redakteur eine Jahreskarte der Wiener Linien. Konservativer geht's nicht.
Und wir lieben auch die Briefform:
☺Liebe Zitronenfalter, ist euch schon aufgefallen, dass euer reizend gezeichneter Boss dem „Krone“-Hans immer ähnlicher sieht, obwohl er keinen Mediamil-Komplex hat?
Sehr geehrter Herr Jeannée! (Ich darf Sie doch „Herr“ nennen?) Wollten Sie schon immer ein Post-Mickey sein, oder schreiben Sie nur so? Und um gleich persönlich zu werden: Wo lassen Sie sich Ihre Haare richten?
☹Zur FPÖ fällt mir nichts ein. Das ist wieder typisch für einen Gegengift-Chaoten der verhetzten „Presse“. Einmal hat er Gelegenheit, über die Erfinder der Tierbordelle herzuziehen, schon verlässt ihn die Courage.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2009)