Schauspiel-Extremist Martin Wuttke (46), geschult an Denkweisen von Frank Castorf oder René Pollesch, zeigt „Gretchens Faust“ aus feministischer und psychologischer Perspektive.
Wenn Sie früher gehen wollen, die Garage ist offen“, flüstert die Intendantin der Kritikerin vor dem Gastspiel des deutschen Schauspielers Martin Wuttke mit „Gretchens Faust“ Donnerstagabend in St. Pölten zu. So ein Kritiker flieht nicht so leicht. Teile des Publikums in der nach dem nationalistischen Turnvater Friedrich L. Jahn benannten Sporthalle (1929) jedoch suchten das Weite. Verbliebene lachten verlegen und flüsterten über das „Ungeheuer“, das vom Berliner Ensemble wohl auf Tournee geschickt wurde, damit „man es los sei“, so ein Besucher. Nein, das Wort Provinz nehmen wir nicht in den Mund im Zusammenhang mit der NÖ-Landeshauptstadt. Am Ende der mit 1 Stunde 40 Minuten kurzen Vorstellung wurde aus den gelichteten Reihen auch laut gejubelt.
Goethes „Faust“ hat Hochkonjunktur. Was will man den Menschen noch Neues erzählen, nachdem so gegensätzliche Charaktere wie der Klassiker Peter Stein oder der Zertrümmerer Michael Thalheimer (sein Berliner „Faust“ ist dieses Wochenende im Burgtheater zu sehen) alle Wege, die zu diesem Stück führen, abgeschritten haben? Martin Wuttke (46), geschult an Denkweisen von Frank Castorf oder René Pollesch, zeigt „Gretchens Faust“ aus feministischer und psychologischer Perspektive.
Narzisstischer Sohn eines dunklen Vaters
Faust, der hysterische Sohn eines „dunkeln Vaters“, hat das Leben geschwänzt, beschattet von seiner Übermutter (Anke Engelsmann). Jetzt will dieser missgelaunte Bücherwurm endlich was Richtiges erleben. Er zieht sich eine Straße Kokain rein, parliert mit sich selbst als Mephisto und lässt die Mädchen tanzen: Neun sind es an der Zahl. Sie sprechen perfekt im Chor und wechseln ständig zwischen Püppchen und Hexe.
Die Frauen sind großartig, hübsch, sprachgewaltig, musikalisch unglaublich vielseitig: Maria Löcker, Inka Löwendorf, Charlotte Müller, Christina Papst, Larissa Fuchs, Gitte Reppin, Janina Rudenska, Ninja Stangenberg, Cornelia Werner. Wuttke entlarvt die Herzschmerz-Geschichte von Gretchen und ihrem Doktor als Märchen, mit dem Dichterfürst Goethe seine Männerfantasien, seine Neurosen bemäntelte.
Hier haben die Ladys die Hosen an, auch wenn sie am Ende kaputt sind. Mit einem Riesentrichter flößen sie Faust so viel Jugendtrank ein, dass er wie ein Betrunkener um den Tisch rast und wie einer, der Viagra genommen hat, nicht weiß, zu welchem der Mädchen er zuerst unters Laken kriechen soll. In Wahrheit aber ist dieser narzisstische Faust liebesunfähig. Er will die Frau bloß belehren und ins Bett zerren. Widerworte sind unerwünscht. Nachdem die Gretchen-Riege reden will – was ist mit der Religion, was mit dem finstern Gesellen Mephisto? – ist Faust gleich wieder weg, zur Walpurgisnacht. Mit den Gretchen geht es rasch bergab. Eines schießt auf ihn.
Faust spuckt die Patronen aus. Er ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, man kann ihn nicht töten, er ist ein Wiedergänger, ein Geist. An einer langen Tafel, um sie herum, im Raum spielt sich die Aufführung ab. Sogar ein echter Pudel ist da. Es geht schrill, laut, heftig zu. Der Regisseur Wuttke hatte offenbar keine Gewalt über den Schauspieler Wuttke. Dieser, ein hinreißender Extremist, macht zeitweise um den kleinen, aber entscheidenden Tick zu viel. Ferner: Bei Pollesch oder Castorf gehört es dazu, dass man den Text nicht immer versteht. Bei „Faust“ stört das doch. Trotzdem, ein großer Wurf, vom Konzept her wie darstellerisch. Das Landestheater zeigt erneut Mut. Gut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2009)