Erster im Super-G von Kitzbühel: Klaus Kröll feierte in seinem 94. Weltcup-Rennen den ersten Sieg. Österreichs Herren vor der klassischen Hahnenkamm-Abfahrt unter Druck.
KITZBÜHEL. Die Rennfahrer sind sich einig: Die Kitzbüheler Streif ist die schwierigste Abfahrtsstrecke der Welt. Und die gefährlichste noch dazu: Steilpassagen mit bis zu 85 Prozent Gefälle, Sprünge, die 70 Meter oder noch weiter führen, und atemberaubende Geschwindigkeiten jenseits der 140 km/h.
Es ist etwas Magisches, das die Hahnenkamm-Abfahrt (Samstag, 11.25 Uhr/live ORF1, Siegerehrung 18.30 Uhr/live ORF1) umgibt. Die Gefahr, vielmehr die Lebensgefahr, ist ständiger Begleiter der Athleten auf den rund 3300 Abfahrtsmetern, der Nervenkitzel, dass „etwas passieren“ könnte, fasziniert und ist Lockstoff für tausende Zuseher, die Jahr für Jahr nach Kitzbühel pilgern. Und so brutal es klingen mag, dass der Hochleistungssport auch einen Hochrisikosport darstellt, ist Teil des Systems: Jedes Sturzopfer trägt– so schmerzlich und schrecklich das für den individuell Betroffenen ist – dazu bei, den Reiz für das Kollektiv zu erhöhen. Die Glamour-, Bussi-Bussi- und Party-Gesellschaft inklusive.
Umso größer ist dadurch auch der Wert eines Sieges in Kitzbühel. Viele schätzen ihn höher ein als jenen einer WM-(Gold-)Medaille. Auch Klaus Kröll hat diese Einschätzung vor wenigen Wochen abgegeben. Seine Freude über den Sieg im Super-G auf der Streif war schon allein deshalb gewaltig.
Mit „Loitzl-Effekt“ zum Sieg
Freilich, Kröll hat am Freitag nicht die klassische Hahnenkamm-Abfahrt gewonnen, als Streif-Sieger darf er sich als Erster im Super-G dennoch fühlen. Schließlich ist es in mehrfacher Hinsicht ein Triumph für den Ex-Gewichtheber: Bis zu seinem 94. Weltcup-Rennen hatte der 28-jährige Steirer aus Öblarn auf den ersten Sieg warten müssen, Zweiter war er bereits dreimal und einmal Dritter gewesen. „Mich hat's gerissen, wie ich im Ziel den Einser gesehen habe“, konnte Kröll sein Glück kaum in Worte fassen. „Wahnsinn. Damit hätte ich nie gerechnet, ein Top-Five-Platz war mein Ziel.“ 22Hundertstelsekunden hatte er im Ziel Vorsprung auf den Norweger Aksel Lund Svindal, 39 auf den Schweizer Ambrosi Hoffmann.
Mentale Unterstützung hatte er indirekt von Skispringer Wolfgang Loitzl erhalten, der nach 222 sieglosen Weltcup-Springen bei der jüngsten Vierschanzentournee seine ersten Erfolge gefeiert hatte. Auf den „Loitzl-Effekt“ hatte der Speed- und Risikofanatiker, der Motocross und Paintball zu seinen Hobbys zählt, gehofft, genährt durch seinen zweiten Platz bei der Abfahrt in Bormio unmittelbar nach Weihnachten.
Besondere Beachtung gebührt Krölls Leistung auch deshalb, weil er mit gebrochener Hand an den Start gegangen war. Beim Training für die Lauberhorn-Abfahrt in Wengen vergangene Woche hatte sich Kröll nämlich drei Handwurzelknochen gebrochen, was aber erst am Montag diagnostiziert worden war. Eine sechswöchige Pause hatten ihm die Ärzte empfohlen, Kröll aber schlug diesen Rat in den Wind.
„Vielleicht“, analysierte er nach dem Super-G-Sieg, „hat mir die Hand auch geholfen. Mit der Verletzung war mir klar, dass ich ohne Druck fahren kann. Und die Schiene hat mich nicht daran gehindert, ans Limit zu gehen.“ Entgegen sei ihm auch gekommen, dass der erste Abschnitt nach dem Start so steil war, dass er sich nur einmal kurz mit den Stöcken abstoßen musste. Schmerzen habe er keine verspürt, lediglich beim Gratulationsmarathon im Ziel war er darum besorgt, dass ihm die Hand nicht allzu fest geschüttelt wurde.
Kröll vereitelte Debakel
Noch einen dritten Grund gibt es, warum Krölls Kitzbühel-Auftritt am Freitag bemerkenswert war. Er bewahrte als Einziger die österreichische Herrenmannschaft vor der nächsten Pleite in einem Speed-Bewerb. Denn abgesehen von Kröll schaffte es kein anderer ÖSV-Läufer in die Top Ten. Hermann Maier, der große Erwartungen in den Lauf gesetzt hatte, musste sich mit Rang zwölf begnügen, Michael Walchhofer wurde 15., Georg Streitberger 17.
Eine Woche nach dem Abfahrtsdebakel von Wengen, bei dem Streitberger als 18. bester Österreicher wurde, sind die heimischen Abfahrtsspezialisten daher in Kitzbühel besonders gefordert. Und Michael Walchhofer, der einzige ÖSV-Läufer, der im aktuellen Winter bislang eine Abfahrt gewinnen konnte, wird an seinem flapsigen Sager gemessen werden. Nach der Wengen-Pleite hatte er gemeint: „Wir müssen in Kitzbühel einfach nur wieder g'scheit fahren.“
Weltcup-Super-G, Kitzbühel:
1.Klaus Kröll (Ö) 1:12,78 Min. (Schnitt: 111,79 km/h)
2.Aksel Lund Svindal (NOR) 0,22 zurück
3.Ambrosi Hoffmann (SUI) 0,39
4.Cuche (SUI) 0,43 5. Fill (ITA) 0,55 6. Defago (SUI) 0,56 7. Innerhofer (ITA) 0,58 8. Heel (ITA) 0,61 9. Jerman (SLO) 0,69 10. Büchel (LIE) 0,70 12. Maier (Ö) 0,72 15. Walchhofer (Ö) 0,81 17. Streitberger (Ö) 0,87 21. Alster (Ö) 1,08.
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AUF EINEN BLICK
■Klaus Kröll (* 24. April 1980) feierte im Super-G auf der Streif – trotz verletzter rechter Hand – seinen ersten Sieg im Weltcup. Es war dies sein 94. Weltcuprennen.
■Der Steirer wendete damit eine Schlappe der ÖSV-Mannschaft (12. Maier, 15. Walchhofer, 17. Streitberger) ab und zählt nun zum Kreis der Favoriten für die Hahnenkamm-Abfahrt am Samstag
(Start: 11.30 Uhr/live ORF1).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2009)