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Versöhnung als Affront: Papst unter heftiger Kritik

(c) AP (ALESSANDRA TARANTINO)
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Benedikt XVI. hat vier traditionalistische Bischöfe wieder in die katholische Kirche zurückgeholt und erntet dafür Kritik von Progressiven und Juden. Einer der vier Bischöfe soll den Holocaust leugnen.

Es sollte eine Geste der Versöhnung sein, ausgelöst hat sie eine Welle des Protests: Am Samstag gab der Vatikan bekannt, dass vier Bischöfe, die vor 21 Jahren exkommuniziert werden, wieder in die Kirche zurückgeholt werden. Die Anhänger des Erzbischofs Marcel Lefebvre waren ohne Genehmigung des Vatikan zu Bischöfen geweiht worden und haben nach dem Tod Lefebvres die traditionalistische Bruderschaft St. Pius X. (FSSPX) am Leben gehalten. Sie haben unter anderem Messen nach dem alten lateinischen Ritus gefordert und eine Öffnung der Kirche abgelehnt. Die Entscheidung von Papst Benedikt XVI. fällt genau 50 Jahre nach der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils, bei dem das Ende des Tridentinischen (lateinischen) Ritus und die Öffnung der Kirche beschlossen wurde.

Die Versöhnung mit den Traditionalisten ist gelungen, aber die Reaktionen ließen nicht auf sich warten: Von jüdischer Seite wird scharf kritisiert, dass einer der vier Bischöfe, der Brite Richard Williamson, während eines Deutschland-Aufenthalts in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen geäußert hat: "Ich denke, dass 200.000 bis 300.000 Juden in den Konzentrationslagern gestorben sind, aber nicht ein einziger von ihnen in Gaskammern". Da Holocaust-Leugnung in Deutschland ein Offizialdelikt ist, hat die Staatsanwaltschaft Regensburg am Freitag ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet.

Auch die katholische Basisbewegung "Wir sind Kirche" kritisierte die Aufhebung der Exkommunikation als Zeichen für "die rückwärtsgewandte Ausrichtung des Pontifikats von Benedikt XVI.".Der Papst solle sich auch den Progressiven öffnen: "Wäre es nicht gerade jetzt an der Zeit, mit der zweiten Hand auch all jene heimzuholen, die mit Lehrverboten und Exkommunikation bestraft wurden, weil sie die gute Nachricht Jesu auch politisch-strukturell für die Armen dieser Welt einsetzen oder Frauen zu Priesterinnen weihen oder für Kondome zum Schutz vor Aids eintreten", fragt die Organisation, die in den 1990er Jahren Unterschriften von hunderttausenden österreichischen Katholiken für die Priesterschaft von Frauen und die Aufhebung des Zölibats gesammelt hat.

"Abscheulicher Lügner"

Den katholisch-jüdischen Beziehungen droht einer der schwersten Schäden nach fünf Jahrzehnten der Entspannung, als Papst Johannes XXIII. die verletzende Formulierung von den "treulosen Juden" aus der Karfreitagsliturgie streichen ließ und in der Erklärung "Nostra Aetate" des Zweiten Vatikanischen Konzils alle "Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus" beklagt wurden.

Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni befürchtete, die päpstliche Maßnahme werde "eine tiefe Wunde" aufreißen. Die Dachorganisation der jüdischen Organisationen in Frankreich nannte Williamson einen "abscheulichen Lügner, dessen einziges Ziel es ist, den jahrhundertealten Hass gegen Juden zu schüren."

Vatikan distanziert sich von Williamson

Shimon Samuels vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Paris erklärte am Samstag, man verstehe zwar den Wunsch des Papstes nach Einheit der Kirche, doch die Wiederaufnahme Williamsons werde dem Vatikan und seinem internationalen Ansehen zum Nachteil gereichen, umso mehr als der Papst ein Deutscher sei. Vatikansprecher Federico Lombardi sagte, es gehe ausschließlich darum, die traditionalistischen Anhänger der Piusbruderschaft wieder in die katholische Kirche zu integrieren. Die päpstliche Entscheidung bedeute nicht, dass der Vatikan die Ansichten Williamsons teile. Dieser werde sich auf andere Weise verantworten müssen.

Die Kontroversen werfen einen Schatten auf eine angeblich für kommenden Mai geplante Israel-Reise des Papstes. Der Apostolische Nuntius in Israel, Erzbischof Antonio Franco, hat allerdings mehrmals betont, eine solche Reise sei erst dann möglich, wenn es große Fortschritte im Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern gebe; auch müsste sich die Situation der Christen dort deutlich verbessern.

In Israel war vor zwei Wochen der Vergleich des Gazastreifens mit einem Konzentrationslager durch einen hochrangigen Papst-Berater auf scharfe Kritik gestoßen. Kardinal Renato Martino hatte in einem Interview gesagt: "Es ist immer die schutzlose Bevölkerung, die den Preis bezahlt. Schauen wir uns die Lebensbedingungen im Gazastreifen einmal an: Das ähnelt immer mehr einem riesigen Konzentrationslager." Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums erklärte daraufhin, das Vokabular Martinos sei "schockierend" und gleiche der Propaganda der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas.

 

(Ag./Red.)